BREMEN - Der 57-Jährige wurde mit Ovationen gefeiert, bevor er den ersten Ton sang. Seine Fans waren begeistert.

Von Matthias Mineur

BREMEN - Als regelmäßiger Konzertgänger hat man im Bremer AWD-Dome schon so manchen Star kläglich scheitern sehen: das Publikum reserviert, die Halle norddeutsch kühl, die räumliche Distanz zwischen Musiker und Zuschauer zu groß. Wer sich hier nicht ordentlich ins Zeug legt, läuft Gefahr, nach 30 Minuten in gähnende Gesichter zu blicken.

Diese Sorge muss sich Lionel Richie nicht machen. Allein seine physische Präsenz reicht aus, um 7000 Fans in der Bremer Halle zu stehenden Ovationen zu animieren. Und zwar schon vor dem ersten gesungenen Ton, bevor überhaupt ein Hit zu hören ist. Dabei hatte es noch wenige Minuten zuvor wegen der langen Wartezeit deutliche Pfiffe gegeben.

Doch dann ist es da, das breiteste Grinsen der Popgeschichte. Da steht Lionel Richie, der personifizierte Hitlieferant, der Schmuse- und Tanzkönig in Personalunion. Im Handumdrehen hat der 57-Jährige einen persönlichen Kontakt zu seinen Fans aufgebaut, trotz der kühlen Halle und des meterbreiten Grabens zwischen erster Reihe und Bühne.

Richie eröffnet mit „Just For You“ vom aktuellen Album „Coming Home“ und gibt damit die Losung des Abends aus. Dieses Konzert soll seinen – wie der Star sie nennt – „Bremer Freunden“ gewidmet sein. Deswegen überträgt die Kamera unentwegt schmusende, schwofende und winkende Zuschauer auf die riesige Videoleinwand. Der Kontakt ist da, von Richie zum Publikum, von den Zuschauerrängen zur Bühne.

Natürlich wolle er heute nicht nur die brandneuen, (noch) unbekannten Stücke spielen, sondern alle Hits seiner Solokarriere und seiner früheren Band Commodores, und das alles „All Night Long“ (so der Titel seines größten Erfolges). Also feiern die Zuschauer „My Destiny“, lauschen weltentrückt zu „Ballerina Girl“ und tanzen ausgelassen bei „Dancing On The Ceiling“, bei dem sich Richies Gitarrist in Rockermanier die Pfeil-Gitarre umhängt und wie Eddie van Halen abgeht.

Wie kommt man jetzt auf Van Halen? Weil die Band mitten im Song den Kurs ändert und plötzlich bei „Jump“ landet, dem Klassiker der amerikanischen Hardrock-Truppe.

Solche und ähnliche Einlagen gibt es häufig. Mal schickt Richie seine komplette Belegschaft von der Bühne, um mit seinen Fans allein zu sein. Ein anderes Mal antwortet er auf Zwischenrufe des Publikums oder wirft einem weiblichen Fan seinen nass geschwitzten Schal zu. Auf die Idee, das Tuch zu waschen, dürfte die Frau wohl nicht kommen.

Am Ende dann das große Finale mit „Say You, Say Me“ und eben jenem „All Night Long“, auf das alle Anwesenden gewartet haben. Obwohl: Bei dermaßen vielen Hits wäre die Reihenfolge der Nummern heute Abend fast egal gewesen. Denn Lionel Richies Aura allein war das Eintrittsgeld wert.