BREMEN - Darf man das eingestehen? Wenn sich im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss im Terzett des dritten Aktes die drei Frauenstimmen gegenseitig übertrumpfen, ist das nicht immer ein Hörgenuss. Da hat die reine Instrumentalfassung ihren eigenen Reiz. Und in der Opulenz, mit der das Sydney Symphony Orchestra in der Bremer Glocke das Werk zele­briert, lockt es die Hörer in eine eigene Welt.

Vladimir Ashkenazy ist der Lenker, der den riesigen Apparat des führenden australischen Orchesters fein auffächert, die Auf- und Abschwünge als kunstvolle Wellen schwappen lässt. Allein 60 Streicher faszinieren mit ihrer technischen Brillanz und klanglichen Homogenität, zudem die Bläser mit ihrer warmen Ausdrucksintensität. Und Ashkenazy ist der tief fühlende Musiker, der verhindert, dass Emotionen in Sentimentalitäten umschlagen.

Mit Schmiss garnieren die Australier alle Musik mit einem Klacks Sahne. Es könnte ihr Markenzeichen sein. Andere sind schwer aufzuspüren. Das ist ein Orchester, das die Muskeln spielen lässt. Sein Fortissimo ist krachend und trotzdem strukturiert. Es sind ebenso die feinen Nervenfasern zu spüren. Am sichersten fühlt es sich im Mezzoforte, was eine gewisse Doppelköpfigkeit verrät: Mit leichter Ernüchterung spürt man, dass sich etwas wenig Beseeltheit, etwas wenig persönliche Note hinter dieser hochgezüchteten Virtuosität und diesem Klangrausch verbirgt.

Vor allem die Enigma-Variationen von Edward Elgar lassen wundervolle Momente erleben. Da schießen die Geigen bei der Troyte-Sequenz wie Wasserkaskaden in die Höhe. Da breitet sich das Porträt des Nimrod mit einem riesigen Atem fast zeit- und raumlos aus. In Tschaikowskys Klavierkonzert b-Moll beglückt das Orchester dieses alte Schlachtenross mit Streicheleinheiten. Der usbekische Pianist Behzod Abduraimov weist nachdrücklich darauf hin, wie viel Witz, Gefühl, große Verarbeitung, ehrliches Pathos und Sensibilität hinter allen Donneroktaven stecken.

Hätte es auf diesem kurzen Deutschland-Abstecher vielleicht auch etwas Australisches sein dürfen? Das Klavierkonzert von Peter Scul­thorpe? Ein Tongemälde von David Lumsdaine? Die werden in Europa kaum Säle füllen. Also bleibt es derzeit bei Brett Deans Oper „Bliss“ in Hamburg. In Bremen gibt es als Zugabe Frederick Fennell. Das ist ein Amerikaner.