BREMEN/OLDENBURG - Das Hörspiel-Manuskript ist lange fertig. Eigentlich könnte John von Düffel sich zurücklehnen. Doch der Autor hat Lampenfieber. „Es ist so, als wären meine Figuren bis jetzt erst virtuell vorhanden. Im glücklichsten Fall werden sie gerade jetzt im Studio zu wirklichen Persönlichkeiten“, sagt der Schriftsteller.

So viel sei verraten: Von Düffel darf das Lampenfieber dämpfen. Was Regisseurin Christiane Ohaus und die Schauspieler Marion Breckwoldt und Markus Meyer im Hörspielstudio aus von Düffels Ermittlerduo Evernich und Gröninger machen, ist ein Paar mit Potenzial zum Klassiker. Das ist wichtig, denn die Messlatte liegt hoch: „Der Schrei der Gänse“ wird der erste „Radio Tatort“ von Radio Bremen – Teil einer ARD-weiten Hörspielreihe, die dem Fernseh-„Tatort“ an die Seite gestellt wird.

Von Düffel, der sich als „geheimer Oldenburger Lokalpatriot“ bezeichnet – er hat an der Hunte sein Abi gebaut und als Dramaturg am Staatstheater gearbeitet –, hat sich mit dem Radio-Tatort „Schrei der Gänse“ zum ersten Mal an das Genre Krimi gewagt. Unterstützt von der Oldenburger Redakteurin und „Radio Tatort“-Regieassistentin Janine Lüttmann recherchierte er bei der Bremer Kripo.

„Ich bin mehr Finder als Erfinder“, sagt er. Deswegen lehnt sich sein Krimi an einen realen Fall an: Ungeklärte Sexualmorde an Kindern in Schullandheimen des Bremer Umlands. Im Hörspiel verschwindet in einem dieser Heime eine Gans, die nach einer der Taten als Wachtier eingesetzt wurde. Der Heimleiter (Gerd Baltus) wendet sich an die Polizei. Und: Ein Kind will nächtlichen Besuch gehabt haben.

Anlass für eine Ermittlung? „Mit der Erzählung des Kindes kommt die Fantasie ins Spiel, der Traum – und die Glaubensfrage: Was ist wahr? Was ist Einbildung?“ Im Hörspiel wird ein Kinderchor akustische Gegenpole zur realistischen Handlung setzen.

Der Gegensatz von Tatsache und Instinkt wird zudem personifiziert – von Kriminalhauptkommissarin Claudia Evernich und Staatsanwalt Kurt Gröninger. Ein Duo, das intelligent mit gegensätzlichen Persönlichkeiten spielt. Evernich als burschikose Ermittlerin mit Hang zu Alleingängen und ruppigem Ton, Gröninger als fein ziselierter Intellektueller mit Teamarbeits-Vorliebe – der obendrein einen Lokalmalus besitzt: Er kommt aus Bremerhaven. Außenseiter im Ermittlungsapparat.

Schauspieler Markus Meyer, der bis zum Abitur in Cloppenburg lebte und inzwischen am Burgtheater in Wien engagiert ist, hat für den regionalen Konflikt einen eigenen Vergleich: „Die Bremer gucken auf Bremerhaven wie die Oldenburger auf Cloppenburg: Ein wenig herablassend“, sagt er. Im Studio laufen Breckwoldt und Meyer unter Ohaus‘ Regie zu Hochform auf: Evernich stürzt mit ihrem Ermittlungswunsch auch körperlich auf Gröninger ein, der mit erhobenen Händen versucht, die Contenance zu wahren, etwas hilflos Beweise fordert und letztlich bei seinen Entscheidungen doch mit der Glaubensfrage ringen muss. Dass das bei allen vor feinem Humor sprühenden Dialogen keine eindimensionale Geschichte ist, wird klar, wenn Evernich mit dem Jungen spricht, der den „schwarzen Mann“ gesehen haben will. Da wird ihre Brüchigkeit deutlich, werden die Phantome spürbar, die sie jagt – und von denen sie gejagt wird.

Der Bremer „Radio Tatort“ ist – wie im Fernsehen – als Serie angelegt. Wie es mit Evernich und Gröninger weitergeht, „ist Teil des Abenteuers“, sagt von Düffel. Hinweise hat er schon hingetupft im „Schrei der Gänse“. Regie und Schauspieler haben auch ihre Vorstellungen. Doch von Düffel hält sich bedeckt, verrät nur so viel: „Das könnte eine Arbeitsehe werden. Konfliktpotenzial gibt’s genug.“