BREMEN - BREMEN - An dieser Inszenierung können sich die Geister scheiden, denn Regisseur David Mouchtar-Samorai erzählt Verdis „Die Macht des Schicksals“ („La Forza del Destino“) aus einem besonderen Blickwinkel, indem er der Oper eine Inzest-Geschichte überstülpt.
Während der Ouvertüre sitzt Leonora auf einer roten Couch. Sie ist sichtlich psychisch angeschlagen und befindet sich in psychiatrischer Behandlung. Wie in einem Traum tauchen Personen aus ihrer Kindheit auf, vor allem der Vater, der sie offenbar sexuell missbraucht hat. Die gesamte Oper spielt sich dann in Leonoras Kopf ab, teils als Erinnerung an schreckliche Erlebnisse, teils als Albtraum oder nur als surreale Fantasie.
Mouchtar-Samourai hat diesen Ansatz, nämlich die totale Fixierung auf die Figur der Leonora, mit einer beklemmend dichten Personenführung umgesetzt, verstärkt durch die unwirkliche Atmosphäre der von Heinz Hauser in überwiegend fahlem Grünlicht gehaltenen Bühne.
Es sind bedrückende Bilder und Wahnvorstellungen, die entworfen werden. Das Kloster erweist sich nicht als ein Ort der Zuflucht, vielmehr vollzieht sich da eine barbarische Entjungferung durch eine brutale Männergesellschaft. Die Figur der aufreizenden Zigeunerin Preziosilla erscheint ihr als ein anderes Ich und Pater Guardian mutiert zum Therapeuten à la Sigmund Freud. Die Arie „Pace, pace“ markiert den psychischen Zusammenbruch einer traumatisierten Frau.
Mouchtar-Samorai zieht sein Konzept mit bewundernswerter Konsequenz durch, schießt aber mitunter über das Ziel hinaus, etwa, wenn Leonora in ihrer Fantasie auch vom Bruder vergewaltigt wird oder das hitzige Duett zwischen Alvaro und Don Carlo in einen Walzertanz mündet. Bedenklich war auch der Eingriff in die Musik. Die Ouvertüre erklang nicht vollständig und die Ballade des Don Carlo war gestrichen. Dabei war jeder Ton, den Stefan Klingele und die Bremer Philharmoniker produzierten, unbedingt hörenswert.
Als dauerpräsente Leonora bot Sabine Hogrefe mit kraftvoll geführtem Sopran eine beeindruckende Leistung. Ihre Darstellung der beschädigten Seele ging unter die Haut. David Yim trumpfte als Don Alvaro mit kraftvollem Tenor und schönem Timbre auf, bewegte sich aber etwas pauschal meist im Forte-Bereich. Armin Kolarczyk blieb mit schlankem Bariton bei aller Rachsucht ein Edelmann.
Karten: 0421/365 33 33
