BREMEN - Italien mag ruhig unerreicht bleiben. Die Sängerinnen und Sänger für Rossinis halsbrecherische Sprünge, Dauerkoloraturen, seine tiefgründigen Ensembles, die atemnehmenden Crescendi und sein flammendes Belcanto scheinen dort im Wald an jedem Baum zu wachsen. Aber in Bremen steht zumindest ein Kleingarten – und auch dort erntet man einen ertragreichen Rossini!
Zum Finale von „La Cenerentola“ preschen im Theater am Goetheplatz durch Gewitter und Sturm die Pferde mit der Kutsche des Prinzen von Salerno, hölzern realisiert wie vor 150 Jahren in einem Stadttheater. Spontaner Beifall bricht los. Er beschreibt den Zauber, den Michael Hampe mit seiner Aschenputtel-Deutung entfacht: Diese Rossini-Umsetzung hat alles Zeug zur Klamotte. Aber es wird nie eine. Stattdessen glückt eine wunderbare Einheit von Inszenierung und Musik.
Altmeister Hampe setzt das Märchen von der armen Stieftochter, deren innere Werte nur vom Prinzen erkannt werden, ohne Umschweife farbenprächtig klassisch um. In Schlosssälen tragen die Darsteller pludrige Kostüme und große, verhaltene und verschmitzte Gesten zur Schau.
Die drei Stunden Funken sprühende Wirkung entsteht aus einer Mischung von Karikatur und ironischer Distanz. Und wenn gar das Absurde gestreift wird, verblüfft das von den Auftritten der Akteure bis zur Garnierung durch den Männerchor eigentlich vorhersehbare Geschehen durch unvorhersehbare Finten. So bleibt Bremens „Cenerentola“ glücklich im Gleichgewicht zwischen einer Opera semiseria und einer buffa.
Der Anteil der Musik am Erfolg ist enorm. Ein schlecht gespielter Mozart gibt immer noch etwas her, ein verpatzter Rossini hingegen nichts. Aber Markus Poschner deutet mit den Bremer Philharmonikern nur in der vorsichtig genommenen Ouvertüre an, wie Wankelmut lähmen könnte. Dann aber zielt die Musik, die der Komponist immer wieder in anderen Opern verwendet hat, auf ihren nur hier gültigen Punkt. Da schlägt als katzig Bekanntes in Tückisches um, Verspieltes wird verlogen, Temperamentvolles rasend. Nur die genial-konfusen Ensembles werden gelegentlich etwas zugedeckt.
Rossini-Furor entfachen die Sänger. Das Ensemble hat die passenden mittleren Stimmlagen und einen auch zur Tiefe befähigten Mezzosopran als Aschenputtel. Tamara Klivadenko behauptet sich mit vokaler Durchschlagskraft, neigt in Koloraturen manchmal zum Nachklappen. Damon Nestor Ploumis hat als Baron Don Magnifico gesanglich und darstellerisch eine Paraderolle. Perfektem italienischem Rossini-Parlando am nächsten kommt Jan Friedrich Eggers als Prinzen-Double Dandini. Die weiteren Charaktere sind bei Barbara Buffy, Nadine Lehne, Benjamin Bruns oder Seth Keeton treffend gezeichnet: Ein großer Abend des klassischen Ensemble-Theaters.
Karten: 0421/36 53 333
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