BREMEN - Auch nach dem Mozart-Jahr gibt es noch immer etwas zu entdecken. Die „Gärtnerin“ des Bremer Theaters gehört dazu.
Von Anke Hoffmann
BREMEN - „Was für ein Blödsinn!“ entfährt es dem Herrn neben mir, der kurz vor der Vorstellung die Handlung der Oper nachliest. In der Tat, das Libretto, das der 18-jährige Mozart für den Münchener Hof zu vertonen hatte, ist aus heutiger Sicht recht dürftig: Violante wurde von ihrem Geliebten Belfiore niedergestochen. Der hält sie für tot und ist recht überrascht, sie als Gärtnerin verkleidet im Hause des Podesta zu treffen.Belfiore soll Arminda, die Nichte des Podesta, heiraten. Diese hat gerade den Grafen Ramiro verlassen. Kammermädchen Serpetta liebt den Podesta, der ist aber in die vermeintliche Gärtnerin verliebt. Und Roberto, Diener Violantes und ebenfalls als Gärtner verkleidet, liebt Serpetta. Das heillose Durcheinander wird erst gelöst, nachdem die Protagonisten im Dunkel herumtappen, dann verrückt und schließlich ohnmächtig werden.
Und doch: „Was für ein Mozart!“ möchte man ausrufen. In der Rückschau von den späten Werken auf diese frühe Buffa-Oper stellt man fest, dass alles, was den für uns typischen Mozart-Ton ausmacht, vorhanden ist. Geradezu verschwenderisch der Umgang mit musikalischen Ideen und Einfällen. Die Arie des Podesta kommt mit Pauken und Trompeten daher, wenn ihn die Leidenschaft so richtig packt und beschreibt gleichzeitig die Angst vor der eigenen Courage.
Roberto versucht vielsprachig die Aufmerksamkeit Serpettas zu erlangen – ein Kabinettstückchen mit Kurz-Parodien auf die jeweiligen musikalischen Nationalstile. Armindas Zornesarie lässt schon die Dramatik einer Elektra aufscheinen und Belfiores erste Arie steht musikalisch auf gleicher Höhe mit dem Belmonte.
Mozart verlässt die ausgetretenen Buffa-Pfade und überrascht immer wieder mit neuen Wendungen. Die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Florian Ludwig sind mit Spaß, Genauigkeit und meist flottem Tempo dabei. Ein paar musikalische Striche tun dem Fluss der Handlung dabei nur gut.
Dieser Opernabend wäre aber ohne die Regie von Philipp Himmelmann nur das halbe Vergnügen. Er schafft es, den vermeintlichen „Blödsinn“ ideenreich zu inszenieren und dabei die Figuren glaubhaft zu formen. Die Protagonisten befinden sich in einer Art Versuchs-Labyrinth. Die 16 Türen werden wie in jeder guten Komödie reichlich genutzt, doch entrinnen kann keiner. Wir sehen den Rokoko-Figuren (in liebevoll gestalteten Kostümen von Gesine Völlm) bei ihren Bemühungen zu, den oder die Richtige zu finden. Wenn es zu eng wird, werden sie verrückt. Am Ende weiß buchstäblich niemand mehr, ob er Männchen oder Weibchen ist. Himmelmanns Inszenierung im goldenen Labyrinth von Hermann Feuchter ist genau, witzig, klug und voller Überraschungen.
Ein Riesenlob auch an das Ensemble, das nicht nur stimmliche Beweglichkeit zeigt. Jennifer Bird und Dunja Simic als dramatische Rivalinnen um Belfiore – Jevgenij Taruntsov mit kernigem Tenor, Sybille Specht in der Hosenrolle des Ramiros mit warmtönenden Mezzo, Ingrid Froseth (Serpetta) mit sicheren Koloraturen in jeder Bühnenlage, Jan Friedrich Eggers (Roberto) mit klangschönem Bariton und Mihai Zamfir als komischer Podesta. Glücklicherweise gibt es nach dem Mozart-Jahr immer noch etwas zu entdecken.
Karten: 0421/36 53 333
