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Premiere Auf den Spuren des Wahnsinns

Wolfgang Denker

Bremen - Donizettis Belcanto-Oper „Lucia di Lammermoor“ lief zuletzt im Jahr 1989 in Bremen. Da ist eine Neuinszenierung natürlich doppelt willkommen, besonders, wenn ausnahmslos alle Partien so hervorragend aus dem eigenen Ensemble besetzt werden können. Die musikalische Seite der neuen Produktion sorgte denn auch bei der Premiere für uneingeschränkte Begeisterung.

Die Partie der Lucia ist, ähnlich wie die der Norma, eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Belcanto-Bereich. Nerita Pokvytyté bewältigt sie bravourös – technisch und gestalterisch. Ihren silbrigen Sopran führt sie perfekt und virtuos durch alle Lagen. Die große Wahnsinnsarie wird in ihrer äußerst differenzierten Interpretation zum Höhepunkt der Aufführung.

Dunkle Züge

Hier kommt auch statt der Flöte die von Donizetti ursprünglich vorgesehene Glasharmonika (subtil von Philipp Alexander Marguerre gespielt) zum Einsatz. Gleichermaßen begeisternd ist die Leistung von Hyojong Kim als Edgardo.

Sein Tenor verfügt über ein ausgesprochen schönes und farbenreiches Timbre. Er gibt der Partie Glanz und Wärme. Die kalte, herrische Attitüde seines Gegenspielers Enrico wird von Birger Radde mit martialisch auftrumpfendem Bariton punktgenau getroffen.

Arturo, mit dem Lucia verheiratet wird, bekommt bei Luis Olivares Sandoval stimmliches Gewicht. Auch er wäre sicher ein guter Edgardo. Bei Christoph Heinrich erhält Raimondo, der Erzieher Lucias, dunkle und skurril-bedrohliche Züge.

Die kleine Partie des Normanno wird von Christian-Andreas Engelhardt besonders aufgewertet. Der Chor und die Bremer Philharmoniker hinterlassen unter Olof Boman in Bezug auf Klang und Stringenz, auf Dramatik und Feinabstimmung einen vorzüglichen Eindruck. Unverständlich ist nur, warum Boman sich von der Regie wiederholt willkürliche Generalpausen, die den Fluss der Musik stoppen, hat aufzwingen lassen.

Diese Regie von Paul-Georg Dittrich musste massive Buhrufe hinnehmen. Er verdreifacht Lucia und Edgardo, indem er ihnen jeweils ein junges und ein altes Alter Ego an die Seite stellt. Das Wechselspiel dieser Figuren ist verwirrend und befremdend.

Lucia tritt in einem Theaterkarren auf, nachdem sie zu Beginn als Kind mit einer Miniaturausgabe des Karrens gespielt hat. Für den Regisseur steht die Welt des Theaters als Symbol für einen Zufluchtsort der Träume.

Unfreiwillig komisch

Für den Chor werden Tribünen hereingerollt. Zuckende Chormitglieder mit toten Geiermasken, Videoprojektionen mit Gesichtern, Symbolen, Mustern und Farben sind fast ständig zu sehen und überfrachten die Inszenierung unnötig und manchmal sogar störend.

Auch die Personenführung hat oft wenig mit der Handlung zu tun. Edgardo scheint die „junge“ Lucia zu ermorden und schleift die Leiche hinter sich her, obwohl er eigentlich erst in der letzten Szene von ihrem Tod erfährt.

Enrico gefällt sich in skurrilem Spiel mit einer riesigen Krone, fast wie ein wahnsinniger Nero. Und wenn Arturo in seinem goldenen Gewand vom Bühnenhimmel schwebt, ist das eher unfreiwillig komisch. Zwar beweist Dittrich ein gerüttelt Maß an Fantasie, verliert dabei aber mitunter den Bezug zu „Lucia di Lammermoor“. Schade.

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