BREMEN - Inszeniert hat die Oper Anthony Pilavachi. Der Regisseur ist auch in Oldenburg bekannt.

Von Horst Hollmann

BREMEN - Im Fußball fand Trainer Otto Rehhagel einst ein für Bremen maßgeschneidertes Erfolgsrezept. Er setzte auf die kontrollierte Offensive. Im Musiktheater hat Bremen etwas Entsprechendes gefunden: die kontrollierte Verrücktheit. Und die dürfte nach dem jüngsten gelungenen Streich für ein gut gefülltes Theater am Goetheplatz sorgen: Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“.

In der Umkleide der Werft von Saardam beginnt Zar Peter I. sein Tagwerk. Bis er drei Opern-Stunden, viele Verwicklungen und allerhand Werksspionage später mit der Staats-Karosse im Kreml einfährt, passiert in einem modernen Industriebetrieb und im Rathaus der holländischen Stadt (Bühnenbild und Kostüme von Tatjana Ivschina) viel: eine Menge Komisches, wie bei Lortzing erwartet – und Tiefgründiges, wie man es dem vermeintlichen Kleinmeister lange nicht mehr unterstellt hat.

Regisseur Anthony Pilavachi, in Oldenburg durch den Mozart-Zyklus bekannt, pflegt die Detailarbeit. In Spind 19 von Peter dem Großen hängen statt Pin-up-Fotos Bilder vom Roten Platz; in einem Campingbeutel bewahrt er seine Zarenkrone auf. Kommentierend durchs Geschehen trottet ein Hund ähnlich einem Hofnarren. Pilavachi, der bekanntermaßen auf Bewegung setzt, lässt keine der Rauf-Gelegenheiten mit dem prächtig singenden Chor und den Solisten aus. Aber: Er behält den Wirbel eben unter Kontrolle.

Den Mehrwert bringt das Bremer Urgestein Karsten Küsters als Bürgermeister van Bett ein. Das ist kein biederer Lokalfürst mehr, sondern ein unheimlicher und gefährlicher Mensch. Er weiß nichts, urteilt schnell und ist stets bereit, seine Umgebung greifbar zu bedrohen. Da Küsters zudem über eine rasch ansprechende Höhe, eine bewegliche Artikulation und ein umwerfendes Komödiantentum verfügt, ist die Bass-Paraderolle perfekt.

Es gibt noch ein zweites Paradestück. Das ist der schon unsägliche Holzschuhtanz. Den klappert der Stadtrat herunter, mit van Bett auf dem Tisch. Es ist eine mitreißende Parodie, die durch ein feingliedriges und durchsichtiges Spiel der Bremer Philharmoniker gekrönt wird. Diese umjubelten fünf Minuten könnten sogar zu den stärksten Szenen der Spielzeit gehören.

Zurückgedrängt ist das übrige Ensemble durch diese Höhepunkte nicht. Loren Lang gibt einen introvertierten Zaren, was am Ende stimmlich ein wenig eingeebnet wirkt (auch der vor der Premiere erkrankte Armin Kolarczyk singt diese Rolle). Gefangen nehmen Nadine Lehner (Marie) und Benjamin Bruns (der mit dem Zaren verwechselte Peter Iwanow) mit Musikalität und Spielfreude. Das gilt auch für die anderen Darsteller: Kristjan Moisnik (General Lefort), Karl Huml (Lord Syndham), Mihai Zamfir (Marquis von Chateauneuf) und Katherine Stone (Witwe Browe).

„Wir müssen Lortzing jetzt nicht völlig anders interpretieren“, merkt Kapellmeister Florian Ludwig zu neuen Erkenntnissen über Lortzings politische Aussagen an. Daran hält er sich. Er spitzt zwar Details zu, trägt aber nie dick auf. Er vertraut den volkstümlichen Melodien und wundervollen Ensemblesätzen und lässt sie blitzsauber und mit feinem Instinkt für die musikalischen Ironismen spielen. Da klingt Lortzing direkt ein bisschen nach Mozart.

Karten: 0421/365 33 33