BREMEN - Don Giovanni hat seit der Uraufführung 1787 als unergründlichste Opernfigur Mozarts Rezessionen mitgemacht. Ursprünglich begann er als Schlossherr. In der Moderne rutschte er auch mal zum Penner ab, der seine Festgäste an die Pommesbude lädt. In Bremen ist der Verführer, der seinen Zenit überschritten hat, Mittelständler. Sein „DG Star Hotel“ wird Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung von Andrea Moses.

Schmeichler und Streichler

Dreh- und Angelpunkt gilt wörtlich. Der zweigeschossige Bau dreht sich der Handlung und der Seelenlage zu, liefert glitzernde Fassade und Hinterhof, Bar, Treppen und Garagen. In der Enge entsteht Raum für große Szenen. Wenn Giovanni in der Hollywoodschaukel Zerlina anhält, ihm die Hand fürs Leben zu reichen, dann schimmert auch Spießbürgerliches durch.

Genau daran reibt sich die Inszenierung. Der berühmteste Frauenflachleger der Musikgeschichte lebt mehr von seinem verbleichenden Ruf als von wirklich erotischer Grandezza. Aber er bleibt ein gefährlicher Anarchist, der äußere und innere Ordnungen zerstört. Don Ottavio und Donna Anna scheitern daran. Giovanni stellt Hierarchien ab und an mit Gewalt und Schmiergeld her. Mit gesellschaftlicher Notwendigkeit stirbt daher am Ende, „wer Böses tat“.

Die Regisseurin fährt ihre Darstellung wie ein solider Mittelständler mit einer grundlegenden Sicherheit. Andrea Moses deutet nichts neu, ihr unterlaufen aber auch keine handwerklichen Fehler. Die Metaphern stimmen bis hin zum Panamahut, der den Macho kennzeichnet. Darauf baut sie belebende Innovationen. Wenn Diener Leporello Donna Elvira die Taten seines Meisters vorrechnet, davon allein „1003 in Spanien“, bedient er sich der Powerpoint-Präsentation.

Flug über Seelenabgründe

An wen der Schmeichler und Streichler Hand angelegt hat, der ist katalogisiert und nummeriert. Und wenn am Ende der Komtur-Geist nach seiner Rachetat einen Drink fasst und sich genüsslich einen Zigarillo ansteckt, dann endet das Drama wirklich sinnig giocoso.

Vor allem die Musik und das homogene Gesangsensemble sichern den Erfolg. Das ist anfangs nicht unbedingt zu ahnen. Markus Poschner stürzt die Bremer Philharmoniker in den düsteren d-Moll-Schlägen zwar ohne Umschweife in die kommende Katastrophe. Doch dann schrecken alle erst einmal zurück. Den quicken Läufen und Forte-Blöcken der Ouvertüre fehlt Differenzierung, der mörderischen Introduktion gehen gar Schwung und Dämonie ab. Doch dann setzt ein Flug über Seelenabgründe ein, landet die Musik immer treffsicher auf Hoch- und Tiefebenen.

Empfindsam, aber nie larmoyant, agiert das Sängeroktett, trifft Melancholie ebenso wie Ironie. Der Bariton von Juan Orozco ist dem aktuellen Lebensstand Giovannis eher dem Lyrischen zugewandt.

Feiner Unterton

Die zum Überleben notwendige List des Dieners bringt George Stevens facettenreich zum Ausdruck. Ebenso trefflich singen und agieren Alberto Albarrán (Masetto) und Jose Gallisa (Komtur). Luis Sandoval (Ottavio) und Sara Hershkowitz (Anna) harmonieren stimmlich grandios besser als körperlich und seelisch. Auch Nadja Stefanoff (Elvira) und Nadine Lehner (Zerlina) kultivieren jenen feinen Unterton, der bedeutet: Das Üble am Unhold und seinem Tun ist doch in Wahrheit, dass wir es nicht vollends genossen haben.

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