• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Tragisches zwischen Kartons

12.03.2018

Bremen Wie lebensnah darf Theater sein? Welche Auswirkungen haben unsere Handlungen auf Mitmenschen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Tragikomödie „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann (1862–1946). Eine dreistündige Inszenierung mit Pause hat Regisseurin Alize Zandwijk jetzt auf die Bühne des Großen Hauses am Bremer Theater gebracht. Premiere hatte das Stück am Samstagabend vor ausverkauften Reihen.

Dicht an der Vorlage

Die Regisseurin hält sich in ihrer Inszenierung dicht an die Vorlage Hauptmanns. Die imposante, detaillierte Kulisse (Thomas Rupert) katapultiert uns in ein verfallenes Berliner Mietshaus Anfang des 20. Jahrhunderts. Vor dem Anwesen, das auf zwei Etagen die gesamte Bühne einnimmt, türmen sich Kartons. Der Putz fällt von den Wänden, alles ist krumm und schief gebaut. Jeder Mieter geht dort seines Weges, kümmert sich nur oberflächlich um die Belange anderer. Die Kostüme (Regine Standfuss) fügen sich nahtlos ein, es gibt kaum Farbtupfer.

Inmitten dieser tristen Kulisse wünscht sich Henriette John (ganz stark: Nadine Geyers­bach) nichts sehnlicher als ein Kind. Da kommt es ihr gerade recht, dass die ungewollt schwangere und mittellose Pauline Piperkarcka (Gina Haller) offenbar dazu bereit ist, ihr Kind nach der Geburt abzugeben.

Allerdings rechnet Frau John nicht damit, dass Pauline plötzlich an ihrer Entscheidung zweifelt und sich anders besinnt. Damit wird eine Lawine aus Lügen, Intrigen und Mord ins Rollen gebracht, an deren Anfang meist Verzweiflung und keine bösartigen Beweggründe stehen.

So hat Frau John ihr eigenes Kind im Alter von nur acht Tagen verloren. Sie möchte ihren Mann, den Maurerpolier John (Alexander Swoboda), der ebenfalls sehr unter dem Verlust gelitten hat, glücklich machen. Ihrem Bruder Bruno Mechelke (Denis Geyersbach), der häufig auf die schiefe Bahn gerät, versucht sie zu helfen.

Fragen aufgeworfen

Zandwijk verzichtet dabei bewusst auf zu viele Stilmittel, lässt Kulisse und Darsteller für sich sprechen. Das alles wirkt stimmig und beklemmend, bestärkt durch das Lichtspiel (Mark Van Denesse) und die einfühlsame Musik des brillanten Beppe Costa. Das Stück führt uns schonungslos die Folgen des eigenen Handelns vor Augen.

Während die Tragödie der Familie John ihren Lauf nimmt, wird nur einen Stock über deren Wohnung in der Schauspielschule Harro Hassen­reuters (Guido Gallmann) über die Authentizität des Theaters philosophiert, das jeglichen Bezug zur Realität verloren hat.

Die Frage, ob Theater lebensnah sein darf, sollte mit Ja beantwortet werden. Obwohl die Uraufführung 1911 stattfand, passt die Handlung ebenso in das Hier und Jetzt, wirft Fragen zu Themen wie Gleichgültigkeit, Respekt und Liebe auf. Der Literaturhistoriker Hans Mayer nannte „Die Ratten“ einst den vielleicht „wichtigsten Beitrag Gerhart Hauptmanns zum modernen Welttheater“.

Als nach drei Stunden das Licht ausgeht, ist klar: Er hatte recht. Großer Applaus.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Sabrina Wendt
Redakteurin
Wirtschaftsredaktion
Tel:
0441 9988 2042

Weitere Nachrichten:

Theater Bremen | Bremer Theater

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.