BREMEN - Regisseur Nicolai Sykosch etablierte eine Art Freakshow. Am Ende bleibt ein Fragezeichen.

Von Daniela Barth

BREMEN - Wer bei Moritz Rinkes neuem Stück über Arbeitslosigkeit ein saftiges Sozialdrama samt harscher, allgemein gültiger Gesellschaftskritik erwartet, der wird enttäuscht. „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Dieser von Karl Marx stammende Satz ist vielleicht der prägnanteste, der im gesamten zeitgenössischen Drama „Café Umberto“, das im Bremer Schauspielhaus Premiere hatte, auftaucht.

Bezeichnend, dass es ausgerechnet nicht des Autoren Moritz Rinke eigene Worte sind. Er nutzt diese Aussage wie ein ideologisches Bekenntnis und konterkariert es gleichzeitig – er bricht es respektlos ironisch herunter vom gesellschaftlichen Überbau hinein in die kleinste Zelle: das Individuum; das arbeitslose Individuum. Und dabei scheinen für Rinke die aufregendsten Themen zu sein: Wo stehen arbeitslose Intellektuelle in unserer Gesellschaft? Und haben Liebesbeziehungen in der Arbeitslosigkeit überhaupt noch eine Chance?

Der Witz ist, dass sich Rinkes skurril anmutendes Personal offenbar ganz von selbst in Abseits geschossen hat: es handelt sich nämlich – abgesehen vom stummen Italiener Umberto, der als Ich-AG durchaus gewinnträchtig ein Café im Arbeitsamt, Abteilung „Akademiker“, betreibt – um kreative, intellektuelle Köpfe: Jaro, der erfolglose Komponist; Jule, eine zur Pyromanie neigende Modedesignerin; der Soziologe Anton; seine deprimierte Frau Paula; eine Malerin sowie Lukas, der stellungslose Erdkundelehrer, der enorm unter dem beruflichen Erfolg seiner als Fernsehmoderatorin arbeitenden Frau Sonia leidet.

Wie sich herausstellt, bewältigen alle diese Menschen auf dem Arbeitsamt ihre bizarren Beziehungs- und auch sonstigen Neurosen. Selbst Herzberg, der Leiter der Arbeitsagentur, schafft sich durch seine manischen Modernisierungsmaßnahmen quasi selbst ab. Ein Automat spuckt letztlich aus, was ohnehin nur zu sagen bleibt: „. . . leider vorübergehend keine Stellenangebote im angegebenen Bereich . . .“

Regisseur Nicolai Sykosch etabliert in der Bremer Inszenierung eine Art Freakshow der Kreativen, deren fortschreitende Dekadenz in einem tristen, schäbigen Wartesaal (Bühne: Alissa Kolbusch) mehr und mehr offenbar wird. Ein sprechender Nummernautomat, graue Hartschalensessel, im Hintergrund die Büros der Arbeitsberater und an der Seite Umbertos Cafébar. Über allem hängt mahnend, fast bedrohlich das rot leuchtende „A“.

Irgendwann wird die Schäbigkeit von den Arbeitslosen während einer Farborgie übertüncht: in Ocker. Und der zur Heimstatt umfunktionierte Raum gar als Laufsteg für eine Modenschau oder als Museum genutzt. Mehr und mehr gewinnt man den Eindruck, dass die Protagonisten überhaupt nicht mehr auf der Suche nach einem Job sind, dafür stehen sie sich selbst viel zu sehr im Weg. Und genau das hinterlässt einen recht schalen Nachgeschmack. Sie haben sich selbst aufgegeben, wie’s scheint, und sich der vom globalisierten Arbeitsmarkt vorgebenen Sinnlosigkeit ihrer Existenz ergeben.

All die aufgezeigten Paarszenen ergeben schließlich auch keine dramaturgische Einheit, was das Verständnis zusätzlich erschwert. Am Ende steht ein großes Fragezeichen – in Form eines bedrohlichen „A“’s.

Karten: Tel. 0421/ 36 53 333