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Uraufführung Eisige Szenerie – eruptive Musik

BREMEN - Es gibt Opern, die nach ihrer Uraufführung wieder spurlos in der Versenkung verschwinden, und andere, die ihren Weg auf viele Bühnen finden. „Kryos“ mit der Musik von Jörn Arnecke auf ein Libretto von Hannah Dübgen dürfte zur zweiten Gruppe gehören, wenn die Eindrücke der großartigen Uraufführung im Bremer Theater richtig gedeutet werden. Und das nicht nur, weil apokalyptische Szenarien und Endzeitstimmung Konjunktur haben.

Totalitäre Gesellschaft

Kryos (griechisch „Kälte“, „Frost“) ist eine eisige Insel, auf der im 23. Jahrhundert die wenigen Menschen leben, die eine gigantische Klimakatastrophe überstanden haben. Dort hat sich eine totalitäre Gesellschaftsordnung entwickelt, in der Tod und Geburt „staatlich“ geregelt sind. Die Bewohner sind gleichgeschaltet, was durch synchrone Bewegungen verdeutlicht wird. Die Bewohner kennen keinen Gott, aber ein festes Ritual, den Spektralklang, bei dem jede Stimme ihre genau festgelegte Funktion hat. Wer von wem ein Kind bekommen darf, wird danach berechnet, ob die Stimme in den Spektralklang passt.

Zu Beginn der Handlung wird ein Fremder aus vergangenen Zeiten an den Strand gespült (Uwe Kramer gestaltete diese einzige Sprechrolle sehr pointiert). Er allein hört bedrohliche Geräusche aus dem Eisberg, die auf eine bevorstehende neue Naturkatastrophe hindeuten. Aber seine Warnungen werden ignoriert. Geschichte scheint sich zu wiederholen, obwohl das Ende offen bleibt. Aber dass sich Maja, die Tochter des Chefadministrators, ausgerechnet in diesen Fremden verliebt, deutet auf eine utopische Hoffnung hin.

Philipp Himmelmann inszenierte fast minimalistisch und betonte die konforme Struktur dieser ständig lächelnden Inselgemeinschaft. Das Bühnenbild von Raimund Bauer beschreibt die Eiswelt mit Vorhängen, die aus Tausenden von Flaschen bestehen, in denen sich gleißendes Licht bei den rituellen Beschwörungen bricht.

Klangliche Wucht

Die Musik von Jörn Arnecke ist vielschichtig und subtil. Die moderne Tonsprache verletzt das Ohr nie, im Gegenteil: Die großen Chorszenen haben klangliche Wucht und geradezu vulkanische Kraft, die vom Chor des Bremer Theaters mit kulinarischer Opulenz umgesetzt wurden. Aber auch die Solopartien bewegen sich in kantablen Bahnen. Besonders die Partie der Maja hat Arnecke sehr dankbar ausgestaltet.

Mezzosopranistin Tamara Klivadenko begeisterte mit leuchtkräftiger Stimme und emotionaler Anteilnahme. Loren Lang, Nadine Lehner und Christian-Andreas Engelhardt gaben ihren (vergleichsweise kürzeren) Rollen punktgenaues Profil. Ergänzt wurde das Ensemble durch Chorsolisten in vielen kleinen Rollen.

Markus Poschner und die Bremer Philharmoniker setzten Arneckes Musik hervorragend um, gleich ob es die Stakkato-Klänge der bedrohlichen Eisberg-Geräusche, die hymnisch gesteigerten Chorsätze oder die feineren, kammermusikartigen Passagen waren. Insgesamt war es ein intensiver, nachdenklich stimmender Opernabend.

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