BREMEN/WILHELMSHAVEN - Die Sinfonien von Robert Schumann? Also bitte: Die Erste hat nach dem Frühlings-Aufschwung ihr Pulver schnell verschossen; die Zweite ist schlecht instrumentiert; die Dritte läuft aus der Form; die Vierte immerhin wirkt gesammelter. „Schumann ist ganz anders!“ erwidert Paavo Järvi auf die bekannten Vorurteile. Das zu beweisen, ist sein Ziel mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen im neuen Konzertjahr.
Beethoven modern
Den Satz formuliert der Chefdirigent zunächst einmal ganz speziell, um das neue Projekt der 36 Stamm-Musiker des Ensembles vom alten abzusetzen. Das galt allen Sinfonien Ludwig van Beethovens und hat den Bremern rund um den Globus riesige Anerkennung eingebracht.
Niemand spiele Beethoven derart modern und in sich schlüssig. So wurden die Studioaufnahmen und die Auftritte beurteilt und mit Auszeichnungen überhäuft. Beethoven bleibt auch 2010 im Programm. Unter anderem in Warschau erklingen alle neun Sinfonien. In Bremen dürfen am 26. Juli die Ohren besonders gespitzt werden. Hilary Hahn spielt dann in der Glocke, eingerahmt von der 1. und 5. Sinfonie, das Violinkonzert. Tags darauf gastieren alle in der Royal Albert Hall bei der Londoner Proms-Reihe.
Trotz ausgedehnter Tourneen durch Nordamerika und Japan hegt und pflegt die Kammerphilharmonie mit zwei ausabonnierten Reihen und einem Schnupperabo jeden Monat ihre Heimspiele. Die Geigerinnen Victoria Mullova und Janine Jansen, sowie die Cellistin Sol Gabetta zählen zu den hochrangigsten Solistinnen.
Die Zuhörer in Wilhelmshaven kommen am 20. Januar in den Genuss eines weiteren Weltklasse-Geigers. Christian Tetzlaff spielt Dvoraks a-Moll-Konzert. Heinz Holliger dirigiert in der Stadthalle zudem Schuberts Neunte.
Nun also Schumann. Alle vier Sinfonien werden 2010 erarbeitet und Ende November in Tokio und Osaka gesamt präsentiert. „Zu Beethoven wenden wir innere Kraft, Präzision, Energie und extreme Dynamik auf“, erläutert Järvi.
Absprache per Handschlag
Vom depressiven Romantiker, dem Gefühle bedeutsamer waren als Formen und Logik, hat er eine spezielle Vorstellung: „Bei Schumann muss man eher die Emotionen übertreiben als die Präzision. Die Stimmungsschwankungen sind fast unvorhersehbar.“
Die Möglichkeiten solcher tiefgründigen Werk-Bündelungen sind es, die das kontrollierte Energiebündel Järvi nach vier Jahren noch in Bremen halten, trotz attraktiver Konkurrenz-Angebote.
Nach den bisherigen Zweijahres-Verträgen hat man sich inzwischen „unbefristet“ auf Handschlag-Absprachen geeinigt. Topp, der nächste Zuschlag gilt schon mal bis Ende 2011.
