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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wenn Ulrike Meinhof als Geist erscheint

14.02.2020

Bremerhaven Dass ein Theater ein leerstehendes Haus besetzt, passiert nicht alle Tage: So geschehen am 9. Januar 2020 in Bremerhaven. Wer aber weiß, dass an dem Tag Sänger und Gründungsmitglied der Politrockband „Ton Steine Scherben“ Rio Reiser 70 Jahre alt geworden wäre, der bekommt schon einen Hinweis auf den Grund für die ungewöhnliche Aktion. Mit der Hausbesetzung wollte sich das Stadttheater Bremerhaven auf die Uraufführung des Stücks „Rio Reiser – Wer, wenn nicht wir?“ an diesem Samstag im Großen Haus einstimmen.

Mit Liedern wie „Keine Macht für Niemand“ und „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ schaffen Rio Reiser und seine Band in den 1970er Jahren Hymnen für die linke Jugend und die Hausbesetzer-Szene. Bei jeder Hausbesetzung in Berlin sind auch die „Scherben“ dabei. Textzeilen wie „Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus“ werden noch heute gesungen.

Wenn die Schauspieler Henning Bäcker als Rio und Marc Vinzing als Bandkollege Lanrue – begleitet von einer sechsköpfigen Band – den „Rauch-Haus-Song“ singen, ist auf der Bühne eine Art Barrikade aus Möbeln, Kühlschränken und Herd zu sehen. Wie im Rausch dreht sich die Band-Bühne im Kreis, auf dem Tisch stehen leere Bier- und Weinflaschen. Im Hintergrund bekommen die Zuschauer Originalfilme von Demos, Hausbesetzungen und gewalttätigen Polizeieinsätzen zu sehen. „Schreib die Musik zur Revolution“, wird Reiser auf der Bühne aufgefordert.

Das Stück aus der Feder von Ingo Putz, der auch Regie führt, beginnt mit der aufgeheizten Stimmung in West-Berlin anlässlich des Schah-Besuchs 1967 und der Gründung der Band 1970. Die Rockgruppe war eine der ersten, die rebellische Texte auf Deutsch sang – damit traf sie den Nerv der linken Protestbewegung. Die provokanten Song-Titel stehen in großen Lettern auf Bannern, die rechts und links neben der Theaterbühne aufgehängt sind.

„Ton Steine Scherben“ werden zu Ikonen der Protestbewegung, die Forderungen ihrer Fans damit aber auch immer lauter. „Sie sollten bei jeder Hausbesetzung spielen, am liebsten umsonst“, sagt Putz. In der Inszenierung, die geprägt ist von vielen Kostümwechseln, entern Konzertbesucher die Bühne, übernehmen die Macht der Mikrofone. Reisers innere Zerrissenheit zwischen dem Anspruch eines linksradikalen Künstlers und dem Wunsch, einfach Musik zu machen und damit Geld zu verdienen, verdeutlicht Ingo Putz mit einem Kniff: Reiser erscheint der Geist von RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, die ihm Verrat an der linken Revolution vorwirft und ihm ins Gewissen redet.

Die Band verlässt schließlich Berlin und zieht nach Nordfriesland. „Der Druck war zu groß geworden“, sagt Ingo Putz, der die Landflucht im zweiten Teil des Stückes thematisiert. In der Provinz werden sie argwöhnisch beäugt. „Den einen sind wir zu radikal, den andern nicht radikal genug“, lässt Putz seinen Protagonisten Reiser sagen.

Radikal war das Stadttheater mit seiner Hausbesetzung im Januar dagegen ganz und gar nicht: Die Aktion war abgesprochen, ein Polizist geleitete den Demonstrationszug sogar fürsorglich bis zum leerstehenden Haus.


  www.stadttheaterbremerhaven.de 
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