BRüSSEL - Am Ende ist Thilo Sarrazin erschöpft. Er schaut auf die Menschenmenge, die sich um das Getränkebüfett schart. „Ich habe das ja erwartet“, sagt er. „Dass das Publikum höflich, aber zu 80 Prozent gegen mich ist.“ Er späht nach einem Glas Weißwein. Wenn es 75 Prozent waren, dann war es ein Erfolg, sagt er.
Neue Blickwinkel
Gerade hat der Ex-Bundesbankvorstand im Brüsseler Europaparlament sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ vorgestellt. Zwar ist das Werk inzwischen zwei Jahre alt, eine Diskussionsrunde zum Thema Integration in Europa sollte aber neue Blickwinkel liefern. Ein provokanter Debattenpartner wurde eingeladen: Mehmet Daimagüler, türkischstämmiger Ex-FDP-Politiker und als Buchautor eine Art Antithese zu Sarrazin.
Die Gastgeberin des Abends ist die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin. Theoretisch hätte Sarrazin auch sein neues Werk „Europa braucht den Euro nicht“ vorstellen können. Das war aber wohl politisch ungeeignet: „Mir wurde sogar nahegelegt, das Buch hier nicht zu verkaufen“, erzählt der Buchhändler am Stand vor dem Saal. Das Werk sei europafeindlich, hätten die Veranstalter gesagt.
Also das Thema Integration. Allerdings hat der Bestsellerautor von Anfang an einen schweren Stand. Nach Harmonie sieht es nur in den ersten Minuten aus. Niemand könne ernsthaft gegen Vielfalt sein, sagt Sarrazin auf Englisch. Sie sei eine Quelle des Lebens und des Fortschritts. Allerdings brauche es gemeinsame Regeln und Werte.
Einwanderer sollten aus einem ähnlichen Kulturkreis kommen und möglichst Ingenieure und Wissenschaftler sein, auch angesichts des demografischen Wandels.
Dann kommt die wohl prominenteste Sarrazin-Beobachtung, auf Europa übertragen: Die meisten Immigranten passten nach einigen Jahren perfekt in die Gesellschaft, sagt er. „Aber bei einem Teil der Menschen aus muslimischen Ländern ist das nicht der Fall. Dieses Problem gibt es auch in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden.“ Spätestens da läuft Buchautor Daimagüler auf dem Podium rot an. Er kontert mit Verweisen auf sozioökonomische Probleme, fehlende Integrationspolitik und Klischee-Denken. Eine statistische Materialschlacht beginnt, auch das Publikum wird nervös.
Eine Deutsche ägyptischer Abstammung meldet sich und verweist auf die Erfolge iranischer Mediziner. Der deutsch-türkische Europaabgeordnete Ismail Ertug (SPD) will wissen, was Sarrazin als Berliner Finanzsenator für Einwanderer getan hat.
Eigenverantwortung
Schließlich spendet aber doch ein Zuhörer Beifall: Wir sollten diese liberale multikulturelle Lüge beenden, ruft ein Sozialdemokrat aus Ungarn. Einwanderer hätten eine Eigenverantwortung, sich anzupassen.
Eine unfaire Debatte sei es gewesen, befindet nachher eine Dame aus Deutschland. Sarrazin sei im Englischen nicht versiert genug und gesundheitlich angeschlagen. Und trotzdem ist er gekommen und hat sich der Diskussion gestellt. Sarrazin selbst schaut gleichmütig, bevor er sich zurückzieht: In Deutschland sind die Zuhörer immer noch begeistert, sagt er.
