• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Oldenburgisches Staatstheater: Bühnenbild versagt bei Herunterwerfung

10.09.2016

Oldenburg Der erste Versuch muss sitzen. „Ich weiß nicht, was passiert“, gibt Jan Hendrik Neidert zu.

Einen Schrank zertrümmert man als Bühnenbildner schließlich nicht täglich. Hauptsache kaputt, lautet die Vorgabe für Wilke Düser und Kord Händler.

Keine Ängste schüren

Auf Kommando geben die beiden Bühnentechniker dem Möbelstück einen Ruck. Aus fünf Metern Höhe fliegt es von der Laderampe kopfüber in den Betriebshof des Oldenburgischen Staatstheaters. Eine Holztür ist am Ende dann herausgebrochen, die Innenböden haben nachgegeben. „Anders als erwartet, aber okay“, meint Neidert mit Blick auf das Ergebnis.

Der große Wurf war nötig, um für einen Teil des Bühnenbildes einen „möglichst realistischen Zerstörungsvorgang“ abzubilden, begründet das Oldenburgische Staatstheater. Ungewöhnliche Stücke erfordern eben ungewöhnliche Maßnahmen. „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq gehört zweifelsfrei in diese Kategorie. Die Bühnenfassung zum umstrittenen Roman des polarisierenden Franzosen feiert am 30. September im Kleinen Haus des Staatstheaters Premiere. „Wir wollen damit keine Ängste oder Vorurteile gegen den Islam schüren, sondern unsere westlichen Werte kritisch hinterfragen“, baut Regisseur Peter Hailer gleich am Freitag möglichen Missverständnissen vor.

Muslim gewinnt Wahl

Der Roman erschien am 7. Januar 2015, fast zeitgleich mit dem islamistisch motivierten Terroranschlag auf das Pariser Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Die Zeitschrift wiederum hatte Houllebecq in einer Ausgabe das Titelbild gewidmet. Der 60-Jährige vollzieht in seinem Roman das Gedankenspiel eines Präsidentenwechsels in Frankreich. Mohammed Ben Abbes, der Kandidat der Bruderschaft der Muslime, gewinnt die Wahl im Jahr 2022 und krempelt so umgehend wie schleichend die Republik um: Theokratie und Scharia-Gesetze statt Freiheit und Demokratie.

Doch warum braucht man dafür überhaupt eine kaputte Kulisse?

„Das hat mit der Hauptfigur dieses Ein-Mann-Stückes zu tun“, deutet Neidert an. Es geht um den exzentrischen Literaturwissenschaftler François (gespielt von Jens Ochlast), der ziemlich verloren in einer maroden Möbellandschaft herumsteht. Seine Welt ist – auch durch den politischen Wandel – aus den Fugen geraten. Tische, Stühle und Bänke versinken symbolisch im Boden.

Den Schrank, dem in diesem Szenario die „Hauptrolle“ zukommt, hat Neidert in Leipzig entdeckt. Er stammt aus DDR-Produktion der 1950er Jahre, aber das ist Zufall. Er passte einfach am besten zu seinem unversehrten Gegenstück, denn das wird im ersten Teil der Aufführung bedrohlich von der Decke baumeln und den Aufprall bereits andeuten.

Absolute Ausnahme

In elf Jahren als Bühnenbildner hat Neidert nach eigenem Bekunden selten etwas Vergleichbares erlebt. „Das ist die absolute Ausnahme“, erinnert er sich: „Einmal brauchten wir allerdings ein Loch in der Wand. Das haben wir mit dem Vorschlaghammer erledigt.“

Ganz so brachial wollen die Theatertechniker mit dem Objekt in den kommenden drei Wochen bis zur Premiere nicht umgehen. Ein wenig Feinschliff wird am Schrank aber noch erfolgen. Denn auch ein kaputtes Requisit soll schließlich perfekt aussehen. Damit auch bei der Premiere der große Wurf gelingt.


Ein Video sehen Sie unter:   www.nwzonline.de/videos 
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.