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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Staatstheater: Bühnenreife Verabredung im Café

18.05.2015

Oldenburg Wie gut, dass an diesem Nachmittag nicht viel los ist im Café Janssen. Die Frauen und Männer zwischen 71 und knapp 91 Jahren, die nach und nach eintrudeln, begrüßen sich mit lautstarkem Hallo, Umarmungen und Küsschen, bevor sie sich endlich an den eigens reservierten Tisch setzen. Eine geräuschvolle Rentnergang, die den großen Auftritt liebt, ihn jahrzehntelang gewohnt war.

Selbst eine Verabredung zu Kaffee und Kuchen ist für die ehemaligen Schauspieler des Oldenburgischen Staatstheaters allemal bühnenreif. Einmal im Jahr treffen sie sich – sofern die Gesundheit mitspielt. Regisseur Gerhard Jelen (80) wollte „unbedingt“ kommen, hatte aber einen Arzttermin. Einige gucken zweifelnd, doch das Verständnis überwiegt: Das geht natürlich vor.

Unter Harry Niemann

Schauspielerin Christine Schrader (76), die 13 Jahre (bis 1980) Ensemblemitglied war und heute in Bielefeld lebt, hatte vor vier Jahren die Idee zu solchen „Ehemaligen-Treffen“. In diesem Jahr sind vier Kammerschauspieler darunter: Horst Mehring (90), der schlecht zu Fuß ist, aber mit dem eigenen Auto kommt, Elfi Hoppe (71), Rudolf Bellgrasch (72) und Dieter Bähre (78) sowie Marianne Koennecke, die Witwe von Klaus Koennecke, der 2011 im Alter von 81 Jahren gestorben ist.

Sie gehörten über Jahre oder gar Jahrzehnte zum Ensemble des Staatstheaters. Die gemeinsame Zeit, an die sie sich am liebsten erinnern, war die unter der langjährigen Intendanz (1968–1985) von Harry Niemann. „Der Grandseigneur des Theaters“, von dem Elfi Hoppe heute noch schwärmt.

Dass Rudolf Bellgrasch mit von der Partie ist – zunächst verabschiedet er sich allerdings gleich wieder, um draußen eine Zigarette zu rauchen –, überrascht viele. Bis vor Kurzem hat er auf einer winzigen griechischen Insel gelebt und vier Jahre lang einen Garten bewirtschaftet, wo einfach alles wuchs. „Jetzt habe ich Rücken“, raunzt er, „so sagt man doch heute.“

Mit dem Theater hat er abgeschlossen und schaltet selbst den Fernseher sofort ab, wenn mal eine Aufführung gesendet wird: „Heute wird nur noch geplärrt.“ Und wie schätzt er die Griechen ein? „Alles, was man Euch über die Griechen erzählt – glaubt es und übertreibt am besten noch ein bisschen. Aber ich liebe sie trotzdem.“

Auch Bähre hat mit dem Theater nichts mehr im Sinn: „Ich vermisse nichts.“ Der Druck sei weg, endlich keine Texte mehr lernen müssen. Dafür hat er seine Familie. Aber böse Witze über Theater, Kollegen und Publikum reißt er immer noch gern: „Was ist 20 Meter lang und hat drei Zähne? Die erste Reihe.“ Einen „Garderoben-Komiker“ nennt ihn der österreichische Schauspieler und Regisseur Rudolf Plent (76), weil Bähre hinter den Kulissen immer alle zum Lachen brachte.

Plent arbeitet auch im Ruhestand weiter, hat jahrelang plattdeutsche Stücke im Oldenburger Land inszeniert und tritt aktuell mit „Balladenabenden“ auf. Elfi Hoppe veranstaltet Lesungen in Zusammenarbeit mit der Uni Oldenburg. Im Isensee Verlag ist ein kleines Buch von ihr mit „ostpreußischen Miniaturen“ erschienen.

Missratene Verse

Als die Kaffeetassen leer sind und das Foto gemacht ist, wird es gemütlich. Die Schauspiel-Rentner erzählen einander absurde Anekdoten, werfen sich die Stichworte zu, sagen aus der Erinnerung die Textzeilen auf, die unvergessen sind, gerade weil sie auf der Bühne in die Hose gingen. Etwa: Die toten Kleider des warmen Königs statt die warmen Kleider des toten Königs. „Da muss man einfach weiterspielen“, sagt Plent.

Und dann dieses Gebiss, das einem (nicht anwesenden Kollegen) in „Die zwölf Geschworenen“ plötzlich aus dem Mund flog und das er – wie ein Chamäleon seine Zunge – blitzschnell zurück an seinen Platz schob. Oder das lebende Pferd auf der Bühne in Gorkis „Barbaren“ unter der Regie von Jelen, das in der Vorstellung am Hut von Christine Schrader knabberte. Wann das war? „1977“, antwortet Elfi Hoppe wie aus der Pistole geschossen. „Aber wen ich gespielt habe, weiß ich nicht mehr.“ Bähre: „Du warst das Pferd.“ Hoppe: „Nein, das hieß Liesl.“

Zwischendurch werden noch ein paar Boshaftigkeiten eingestreut. „Wir sind ein schlimmes Volk“, seufzt Mehring und lehnt sich entspannt im Stuhl zurück. Sein zerknirschtes Gesicht aber stammt mit Sicherheit aus einem Bühnenstück.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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