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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Tschaikowski im überhitzten Dampftopf zerkocht

13.08.2019

Bunderhee Wie sich Ohrwürmer wohl fortbewegen, haben Forscher nie ergründet. In diesem speziellen Fall gibt es eine Antwort: In Peter Tschaikowskis 6. Sinfonie h-Moll gar nicht. Dirigent Clemens Schuldt steckt die sehnsüchtigen Melodien in einen Dampfkochtopf – und zerkocht drei der vier Sätze.

Diese „Pathétique“ von 1893 setzt den Schlusspunkt unter die achte Saison der Gezeitenkonzerte der Ostfriesischen Landschaft. 1400 Hörer feiern auf dem Polderhof in Bunderhee nahe der holländischen Grenze die „Junge Norddeutsche Philharmonie“ (jnp) aus Rostock. Mag der Zugang zu Tschaikowskis Werk hier fragwürdig geraten, so tischt das Finalkonzert doch kompakt die Gezeitentrümpfe auf. Matthias Kirschnereit, der Künstlerische Leiter, setzt auf „Weltklasse in Ostfriesland“. Er scheut aber nie das belebende Experiment. Die knapp 100 jungen Musikerinnen und Musiker sind schon etabliert. Sie haben im vorigen August mit ihrer ebenso beherrschten wie beherzten Spielart fasziniert. Das zeichnet sie auch beim vorwärts stürmenden „Don Juan“ von Richard Strauss mit den glänzend gelungenen heiklen Piano-Passagen aus. Und in Felix Mendelssohn-Bartholdis g-Moll-Konzert beeindruckt ihre Klangkultur. Pianist Kirschnereit nutzt Eleganz und Spritzigkeit inmitten des brillanten Klaviersatzes zu einem ganz persönlichen Mendelssohn-Porträt.

Doch beim Tschaikowski zeigt Dirigent Schuldt einen wenig distanzierten Zugang zur Hitze der Emotionen und zur Sentimentalität. Die sehnsüchtigen Klarinetten-Kantilenen dehnt er, bis sie kleben. Aufwallungen treibt er stets zur berstenden Wucht, ohne Abstufungen und Biegsamkeit. Und mit dem Geschwindmarsch braust er publikumswirksam mit 180 Sachen durch die 80er-Zone.

Aber dann: Auf einmal öffnet sich die Musik. Die Streicher nehmen im Adagio lamentoso alle Hörer mit in eine weite Welt der Trauer, aus der sich Hoffnung nicht verdrängen lässt. Da wird sie über Tschaikowskis Lebensschicksal hinaus zum Abgesang auf eine Ära der Romantik. Und wenn die Musiker a cappella noch das Madrigal „If ye love me“ von Thomas Tallis anfügen, atmen alle tief durch: Was für ein Finale!

12 945 zahlende Besucher meldet Raoul-Philip Schmidt, der neue Projektleiter, „wieder ein neuer Rekord.“ Stephan Weil, der zuhörende niedersächsische Ministerpräsident und Schirmherr, übertrumpft alle. „Vor Jahren habe ich die Gezeitenkonzerte den neuen Kometen am Festival-Himmel genannt“, sagt er. „Ein Komet verglüht, dieses Festival jedoch nicht – also ist es ein Fixstern!“

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