CLOPPENBURG - Die Musiker setzten Glanzpunkte. Ein Konzert mit Lehr-Charakter.
von klaus g. Werner
CLOPPENBURG - Die 20er-Jahre des 19. Jahrhunderts sind für den Musikforscher so spannend wie ein Krimi. Für das bürgerliche Publikum war der Name Bach so gut wie unbekannt, man favorisierte die Wiener Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven. Da wagt es der Berliner Musiker-Papst Carl Friedrich Zelter, seinem Musterschüler Felix Mendelssohn anstelle von Beethovens „Eroica“ Fugen von Bach und Sinfonien der Vorklassik zum Studium vorzusetzen, um ein grundsolides kompositorisches Fundament zu legen.Dass er damit die durch Mendelssohn eingeleitete Bach-Renaissance indirekt vorbereitet hat, war Zelter damals wohl kaum klar. Fest steht, dass Mendelssohn die herbe Kost begierig aufgriff und zu eigenen frühen Meisterwerken nutzte.
Mindestens ebenso spannend war es, vom „Mendelssohn Kammerorchester Leipzig“ zentrale Werke der Vorklassik und des jugendlichen Mendelssohn vorgetragen zu bekommen. In damals üblicher Manier leitete Gunnar Harms das Ensemble vom ersten Pult der Violinen oder als Sologeiger aus der Mitte der Bühne. Gleich mit Mendelssohns Streichersinfonie Nr. 2 gelang dem Orchester am Sonnabend im Cloppenburger Clemens-August-Gymnasium ein furioser Einstieg. In allen drei Sätzen wurde die polyphone Struktur durch thematische Hervorhebung herausgearbeitet. Besonders beeindruckte der langsame Mittelsatz, der trotz eines streng kanonischen Aufbaus jene melodische und harmonische Eleganz erahnen ließ, die kennzeichnend für Mendelssohns reifere Werke werden sollte.
Glanzpunkte des Konzerts bildeten das Violinkonzert in A-Moll BWV 1041 von Johann Sebastian Bach und die Sinfonia concertante in E-Dur seines jüngsten Sohnes Johann Christian. Hier traf Barock auf Rokoko. Harms interpretierte das Violinkonzert als „Primus inter pares“, drängte sich dynamisch nicht in den Vordergrund, sondern bettete seinen ausdrucksvollen Solopart in den sehr akzentuiert vorgetragenen, vom Cembalo verstärkten Streicherklang ein.
Ganz andere Klänge, spritzig, elegant, fast „mozartisch“ charakterisierten die Sinfonia concertante des „Londoner“ Bach-Sohnes Johann Christian. Auch hier überzeugten die Ausführenden mit Exaktheit und Ausdruckskraft beim Wechselspiel zwischen einem Tutti, zu dem jetzt auch je zwei Oboen und Hörner zählten, und dem Concertino von zwei Violinen und Violoncello. Als Überraschung dann der Auftritt der Soloflöte im langsamen Mittelsatz, ein Kuriosum, das – vom Komponisten gewiss beabsichtigt – humorvoll parodistische Züge trug.
Noch einmal kam der junge Mendelssohn zu Gehör mit seiner zwölften und letzten Streichersinfonie aus der Lehrzeit bei Zelter. Wieder war es der langsame Mittelsatz, der kantabel-romantische Anmutungen wach rief. Im Kontrast dazu erklang die Berliner Sinfonie in Es-Dur eines anderen Bach-Sohnes, Carl Philipp Emanuel. Mit dieser Sturm-und-Drang-Sinfonie des zu seiner Zeit hoch geschätzten „Originalgenies“ spielte sich das Mendelssohn Kammerorchester Leipzig noch einmal in die Herzen der Zuhörer. Ein lehrreiches, musikalisch faszinierendes und beglückendes Konzert.
