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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Raubkunst zu Spottpreisen erstanden

30.08.2018

Cloppenburg „Auffälligkeiten“, „Unstimmigkeiten“ – der Historiker Karl-Heinz Ziessow wählt seine Worte vorsichtig, wenn es um die Geschichte des 1934 gegründeten Museumsdorfes Cloppenburg und dessen Sammlungsgewerbe geht. In einem dreijährigen Projekt zur Provenienzforschung hat er gemeinsam mit seiner Kollegin Christina Hemken den gesamten Bestand unter die Lupe genommen, Stück für Stück wurde in die Hand genommen, untersucht und mit den Inventarlisten verglichen.

Aber nur bei vier Objekten, so stellte sich heraus, ist die Herkunft nicht bloß „bedenklich“: Sie stammen nachweislich aus jüdischem Besitz. Gleichwohl gibt es Hunderte von Exponaten, deren Herkunft und Geschichte sich nicht lückenlos rekonstruieren lässt. Mehr noch: Bei einem hohen Prozentsatz handelt es sich um Objekte, die in den 1940er Jahren bei einem Nordhorner Antiquitätenhändler erworben wurden. Und es sei zu vermuten, erläutert Ziessow, dass dieser sie bei der sogenannten „M-Aktion“ billig eingekauft hatte.

Massiver Verkauf

Bei der „M-Aktion“ oder Möbel-Aktion handelte es sich um den Verkauf von „gebrauchtem Haushaltsgut“ aus den Wohnungen deportierter Juden in Frankreich und den Benelux-Ländern zwischen 1942 bis 1944. Sie war Teil der von der NSDAP versprochenen Entschädigung für Bombengeschädigte, vor allem aber eine billige Einkaufsmöglichkeit – für all jene, denen jedes Unrechtsempfinden fehlte und die über die offensichtliche Herkunft der Gegenstände hinwegsahen.

Publikation erscheint im September

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes von Christina Hemken und Karl-Heinz Ziessow erscheinen im September unter dem Titel „Im Schatten des totalen Krieges – Raubgut – Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit“ im Verlag Museumsdorf Cloppenburg (Heft 37, ca. 300 Seiten, 19,80 Euro).

Dr. Karl-Heinz Ziessow (66) war von 1991 bis 2017 im Museumsdorf Cloppenburg tätig und stellvertretender Direktor des großen Freilichtmuseums.

Das Raubgut „gelangte in fast jeden Winkel des ehemaligen Gaus Weser-Ems“, schreibt Margarete Rosenbohm-Plate in einem Aufsatz. Hunderte Zeitungsanzeigen und amtliche Dokumente belegten den „massiven Verkauf an Privatleute sowie an Parteiangehörige und Offizielle“. Der Verkauf des Raubgutes – zu Spottpreisen und nach Objektgruppen eingeteilt – „war perfekt organisiert“.

Exakte Zahlen zum Gesamtumfang gebe es nicht, schreibt Christina Hemken in einem Buch, das im September zum Abschluss der Provenienzforschung am Museumsdorf Cloppenburg erscheinen wird. Aber ein paar kann sie nennen: Allein in den Niederlanden soll von 1942 bis 1944 das Inventar von mindestens 29 000 Wohnungen erfasst und abtransportiert worden sein. Im „Gesamtleistungsbericht bis zum 8. August 1944“ sind insgesamt 69 512 jüdische Wohnungen vermerkt.

Der Nordwesten wurde dabei großzügig bedacht. Von 26 984 Waggons voller Raubgut sind Hemken zufolge 18 665 zur „Weiterverwertung“ auf die einzelnen Gaue verteilt worden, davon kamen in den Jahren 1942 bis 1944 insgesamt 5988 Waggons im Gau Weser-Ems an und 334 von insgesamt 586 Binnenschiffen.

Ab 1922 hatte der Gründungsverein des Museumsdorfes begonnen, vorindustrielles, zumeist ländliches Kulturgut für das künftige Freilichtmuseum zu sammeln – von der Bettpfanne bis zur Standuhr. Der erste Museumsdirektor, Studienrat Heinrich Ottenjann, hatte zwischen 1933 bis 1945 insgesamt 9500 Objekte erstanden, darunter allein 433 Fliesen, um die noch leeren Gebäude seines Freilichtmuseums zu füllen. 45 Prozent der Objekte seien käuflich erworben worden, rechnet Ziessow vor.

Dabei wurden zwischen 1942 bis 1945 Sammlungseingänge von einem Antiquitätenhändler aus Nordhorn verzeichnet, darunter „ein großes Konvolut von Apothekengefäßen einer Delfter Manufaktur, holländische Fliesenbilder, Haushaltskeramik belgischer und englischer Herkunft“ sowie Grafiken mit niederländischer Inschrift. Das Sammlungsgut und die Nähe zu Holland legten nahe, sagt Ziessow, dass der Händler auch mit Waren aus ehemals jüdischem Besitz gehandelt habe.

Unstimmigkeiten

Zu den eingangs erwähnten „Unstimmigkeiten“ gehört „eine Reihe von Objekten ohne Inventarnummer“ und Objekte „die angeblich als verbrannt oder verloren“ bezeichnet wurden. Auch die 450 Exponate, die 1945/46 nachträglich erfasst wurden, „geben nach wie vor Rätsel auf“.

Aber in vier Fällen können die Cloppenburger Provenienzforscher sicher sein. Nachweislich als Raubgut lassen sich ein Apothekergefäß aus dem 18. Jahrhundert, ein Fliesenbild aus dem 19. Jahrhundert, ein Steingut-Tablett (Anfang des 20. Jahrhunderts) und ein dreiteiliges Kaminbesteck klassifizieren. Sicher nichts Spektakuläres, räumt der Historiker ein, die Objekte hätten mehr symbolischen Charakter für eine immens wichtige Aufgabe. Die Mühe habe sich allemal gelohnt. Der gesamte Sammlungsbestand des Museumsdorfes sei aufgearbeitet worden. Leider zu spät: „Vor 30 Jahren hätte man noch mit Zeitzeugen sprechen können.“

Wie wichtig Zeitzeugen sind, zeigt das Beispiel einer Porzellan-Terrine, die eine Oldenburgerin 2017 dem Museumsdorf anlässlich einer Ausstellung zur Provenienzforschung übergeben hat. Sie war 1942/43 von ihrer Großmutter bei einem Verkauf von „gebrauchtem Haushaltsgut“ in Neuenkirchen erworben, aber wohl nie benutzt worden. Der Familie war bewusst, dass sie aus jüdischem Besitz stammte. Die Enkelin, erzählt Ziessow, „war erleichtert“, sie nun abgeben zu können.

Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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