CLOPPENBURG - Cloppenburg zu präsentieren, ist für Stadtführer keine leichte Aufgabe: Viele historische Gebäude sind nicht mehr zu sehen – sie sind durch Brände, Kriege und Abrisse zerstört worden. Wer also seinen Gästen die Kreisstadt näherbringen will, der muss – wie Ilse Heidemann – die Fantasie der Menschen anregen: Und dies gelingt am besten mit Bildern sowie kleinen Geschichten und Anekdoten aus längst vergangenen Tagen. So erzählt Heidemann von Tomaten, mit denen die Cloppenburger den späteren Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass bei seinem Besuch im Jahre 1964 bewarfen, von der Feuerwehr, als diese noch im alten Rathaus an der Langen Straße untergebracht war und natürlich vom Kreuzkampf gegen das NS-Regime.
Seit Januar 2003 ist die gebürtige Cloppenburgerin Gästeführerin des Zweckverbands Erholungsgebiet Thülsfelder Talsperre – ein Job, den die 63-Jährige augenscheinlich sehr gerne macht. „Cloppenburg ist ein Schatzkästchen, in dem man Edelsteine entdecken kann“, sagt sie an diesem Nachmittag, während sie auf die 1728 fertiggestellte barocke Andreas-Kirche deutet.
Überhaupt sind die Kirchen der Stadt das Steckenpferd Heidemanns. Nach der „Grundausbildung“ zur Gästeführerin im Jahre 2002 absolvierte die Mutter von vier erwachsenen Kindern von September 2006 bis September 2007 eine Weiterbildung zur Kirchenführerin. „Als ich im vergangenen Jahr in Zuge der Gemeindefusion rund 160 Gästen die St.-Augustinus-Kirche zeigen durfte, war ich schon sehr aufregt“, will die 63-Jährige von Routine nichts wissen.
Schließlich habe man es immer wieder aufs Neue mit vielen verschiedenen Gäste-Typen zu tun. „Ich habe einmal einen Kammerchor zwei Tage lang betreut. Am Ende haben sich die Sänger in der Andreas-Kirche aufgestellt, um spontan ein kleines Konzert zu geben“, schildert Heidemann eine von vielen schönen Erinnerungen.
Besonders angenehme Zeitgenossen – so Heidemann weiter – seien die Touristen aus den Niederlanden. Diese seien immer hoch erfreut, wenn sie auf Niederländisch zumindest begrüßt und verabschiedet werden, sagt Heidemann. „Um ein wenig Niederländisch zu lernen, haben wir mit Derk van Groningen am Bildungswerk einen kleinen Kursus absolviert.“
Stichwort absolviert: Um ihren Gästen auch die zahlreichen schönen Gärten der Region angemessen präsentieren zu können, machte Heidemann zuletzt eine weitere Weiterbildung zur Gartenführerin – die Prüfung legte sie im Frühjahr 2010 bei dem Cloppenburger Diplom-Gärtner Antonius Bösterling ab.
Aber auch im täglichen Leben ist Heidemann ständig auf der Suche nach neuen Impulsen für ihre Tätigkeit: So geht es beispielsweise regelmäßig auf den Hobbymarkt, um dort nach alten Büchern mit für sie neuen Informationen über Cloppenburg zu stöbern.
Während der schönen Jahreszeiten ist Heidemann mit ihren Gästen nicht nur in Cloppenburg, sondern auch per Rad an der Talsperre oder zu besonderen Gärten in Thüle, Scharrel oder Ramsloh unterwegs. „Maximal 25 Leute nehme ich pro Tour mit, im Schnitt sind es zwischen zehn und 20. Ich bin aber auch schon einmal mit einer älteren Dame vier Stunden durch Cloppenburg gegangen“, sagt die siebenfache Großmutter.
