Dangast - Als der ewige Kampf des Bösen gegen das Gute zum Höhepunkt kommt, ist es bereits tiefschwarze Nacht. „Seelenfresser! Seelenfresser! Seelenfresser!“ Flüsternd bewegen sich die Geisterfahrer über die Bühne auf der Suche nach neuen Besatzungsmitgliedern für ihr Totenschiff, das in dem kleinen Hafen hinter dem Deich in Dangast festgemacht hat. Wen nehmen sie mit auf die nächste Seereise des „Fliegenden Holländers“?
Zuschauer mittendrin
Künstlerisch anspruchsvoll hat der Hamburger Regisseur Frank Düwel diese Geschichte an die friesische Küste verlegt. „Das Geisterschiff“ feierte am Freitagabend Premiere. Der Macher verlangt den 39 Laienschauspielern eine Menge ab. Sie tanzen, singen, rezitieren. Und das alles nach einer penibel einstudierten Choreografie. Sie machen die klassische Geschichte zu einem modernen und außergewöhnlichen Freilichttheater-Erlebnis.
Die Geschichte des niederländischen Kapitäns Bernard Fokke aus dem 17. Jahrhundert hat schon Wagner zu seinem „Fliegenden Holländer“ und Hollywood zum Film „Fluch der Karibik“ inspiriert.
Noch elfmal legt das „Das Geisterschiff“ bis zum 19. August in Dangast an.
Karten gibt es in allen NWZ-Geschäftsstellen und bei Nordwest-Ticket unter Telefon 0421/36 36 36.
Die schummrige Atmosphäre, die purpurnes Lichtspiel in Verbindung mit dunklem Blau und begleitet von dem sonoren Sprechgesang der Untoten unter den freien Himmel projiziert, ist beklemmend. Zudem unterstützen die mitunter unwetterartig aufziehenden Wolken über der Szenerie und der schlickige Meeresgeruch, den der Wind über das Bühnenbild weht, den Eindruck für die Zuschauer: Man ist mittendrin statt nur dabei.
Dennoch muss sich der Zuseher aber des Öfteren auf den schwankenden Planken der Geschichte ebenso festhalten wie die Matrosen, die zu Beginn in Seenot geraten und von dem Geisterschiff gerettet werden. Denn das teilweise Avantgardistische an der Dramaturgie schüttelt den Betrachter besonders im Finale heftig durch.
Deutlich ist im gesamten Stück die Handschrift des Hamburger Choreografen Can Gülec zu erkennen. Erstmals arbeitete der Trägerverein Gaudium Frisia mit einem Fachmann für Tanz und Ausdruck zusammen. Ein gewagtes Experiment. Bewegen sich die Geister zunächst wie der Bösewicht Darth Vader in der Weltraumsaga „Star Wars“ staksig und langsam, verwandeln sie sich später genreübergreifend in tanzende und überdrehte Charaktere wie aus dem Film-Musical The „Rocky Horror Picture Show“ um den ebenso extrovertierten wie extravaganten in Mieder und Strapsen auftretenden Transvestiten Frank N. Furter. Sie tun alles, um die Dorfbewohner, die hingegen gänzlich grau in grau daherkommen, zu betören.
In der Inszenierung gibt es keine Statisten. Alle Schauspieler und Darsteller bewegen sich auf dem hohen Niveau, das dieses Konzept verlangt. Auch das riesige Bühnenbild, das neben dem Hafen gleich zwei Schiffe mit drei aufragenden Masten zeigt, erfordert von den Darstellern Kondition. Manche umrunden es in zeitlich exakt abgestimmten Auftritten gleich mehrmals.
Fluch des Holländers
„Wir essen eure Seele auf“, drohen die Toten. Das „Geisterschiff“ ist aber nicht nur unheimlich. Es ist auch eine Liebesgeschichte, in der es um Erlösung geht. Zwei Hauptpersonen stechen dabei heraus. Julian Richter, der den „Holländer“, also den Kapitän des Geisterschiffs gekonnt und wandlungsfähig spielt, und Kristina Trey in der Rolle der Senta.
Sie erlebt im Verlauf der Geschichte alle Höhen und Tiefen der Liebe – von kindlicher Freude bis zum melancholischen Zweifel. Die Oldenburgerin Kristina Trey verkörpert diese Bandbreite der Gefühle mit einer ebenso breiten Palette von künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten mimisch, gestisch und gesanglich. Ob Sentas Liebe den Fluch des Holländers, den ewigen Kampf des Bösen gegen das Gute, brechen kann?
