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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Plastik Von Anatol Herzfeld: Wie Tante Olga nach Kassel kam

06.01.2020

Dangast /Kassel Sie sieht aus wie ein überdimensioniertes Papierschiffchen, so eines wie Kinder es falten. Doch die Polyester-Plastik „Tante Olga“ vor der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel ist ein Kunstwerk, geschaffen von dem Beuys-Schüler Anatol Herzfeld 1977 in Dangast. „Tante Olga“ stand sogar als Dangasts Beitrag zur Weltkunst auf der documenta 6 in Kassel in der Nähe der Orangerie. Mittlerweile steht das Kunstwerk vor der erwähnten Schule, übrigens ein Werk des prämierten Architekten Heinrich Tessenow in der Nähe des Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe. Der etwas entlegene Ort des Kunstwerks könnte bald stärker frequentiert werden: Im März soll ein neuer Stadtführer für Kassel erscheinen, in dem „Tante Olga“ und ihre Geschichte mit dem Bezug zu Dangast erläutert wird.

Von Tanten heißt es ja, dass es besser sei, eine zu haben, die was mitbringt, als eine, die Klavier spielen kann. „Tante Olga“ kann definitiv nicht Klavier spielen, aber jemand hat sie mitgebracht, nämlich nach Kassel, und das war kein Geringerer als der Kapitän des Bäderschiffes „Etta von Dangast“, Anton Tapken. Der Dangaster schiffte die „Tante Olga“ (Namensgeberin war übrigens Tapkens Mutter Olga Tapken) mit einem Motorboot auf Flüssen zur documenta nach Kassel. Tapken (75) kann sich noch gut an die Fahrt von Dangast, über die Kaiserbalje und Weser nach Kassel erinnern. Vier Tage war er mit einem kleinen Motorboot unterwegs, das „Tante Olga“ zog. „Das war eine lustige Tour, ich habe in dem lütten Boot gepennt“, erzählt der Kapitän.

Der Künstler und Beuys-Schüler Anatol Herzfeld (1931 bis 2019) war Anfang der 70er Jahre nach Dangast gekommen, wo er 1975 mit dem Bildhauer Eckart Grenzer (1943 bis 2017) die Freie Akademie Oldenburg gründete, die ihren Sitz im Kurhaus Dangast nahm. Die Aktionskünstler hinterließen eine Reihe von Kunstwerken in Dangast, die man noch heute bewundern kann. Anatol schuf unter anderem 1979 die Plastik „Jade 2“, man könnte auch sagen: die grüne Nackte. Sie zählt zu den Wahrzeichen des Nordseebades wie Grenzers vielgepriesener und genauso oft geschmähter und noch öfter fotografierter „Phallus“. Dritter im Bunde war Butjatha, der, wie es einem Wikinger-Kaiser geziemt, seinen Thron in Dangast baute, wo er seit den 70ern steht.

Man muss dazu wissen, dass die Familie Tapken, der das Kurhaus und weitere Gebäude des Ensembles sowie der Strand bis zur mittleren Hochwasserlinie gehören, den Freigeistern der Freien Akademie sehr aufgeschlossen gegenüberstanden, so wie der damalige Kurhauswirt Karl-August Tapken, ein Liberaler im besten Sinne, jedem Besucher freundlich und aufgeschlossen gegenüber agierte. Die Tapkens erlaubten den Künstlern, ihre Kunstwerke auf dem Gelände zu konstruieren, auszustellen und den Erfolg zu feiern. So fanden zahlreiche Werke Anatols Einzug ins Kurhaus oder eben an den privaten Strand, den kein Zaun abriegelt und den jeder kostenlos betreten kann.

Und man muss auch wissen, dass die Vorfahren der Tapkens, damals unter dem Namen Gramberg, den Malern der Künstlergruppe „Die Brücke“ Ende des vorvergangenen Jahrhunderts Quartier boten: Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Max Pechstein sowie der aus Vechta stammenden Malerin Emma Ritter. Auch damals entstanden in dem Fischerort Gemälde, die heute zur Weltkunst zählen wie Schmidt-Rottluffs „Gutshof“ (das Kurhaus in Dangast), Heckels „Elgernder Mann“ oder Emma Ritters „Ziegelei“ (deren Vorbild die Dampfziegelei Schmidt in Zetel war). Nicht zu vergessen, besuchte der Maler Franz Radziwill (1895 bis 1983) das Kurhaus und trank Rotwein an einem Tisch mit Meerblick oder genoss das Essen aus der Kurhaus-Küche. Eines seiner berühmtesten Gemälde („Flugboot über Dangast“, 1929) zeigt den Kurhaus-Strand und das Kurhaus in der Bildmitte.

So ist es eigentlich folgerichtig, dass „Tante Olga“ am Kurhaus-Strand ihren Weg nahm ins meerferne Kassel, die Besucher der Kunstausstellung irritierte oder faszinierte und nun vor einer preisgekrönten Fassade ihren Platz gefunden hat. Wie antwortet das Kunstwerk auf die Frage nach seiner Botschaft? Vielleicht so: Wenn du nicht überzeugen kannst, verwirre wenigstens.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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