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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wenn die Fläche zum Bild wird

23.12.2017

Dangast Die Preise für Gemälde von Franz Radziwill (1895–1983) sind jüngst auf Kunstauktionen in beachtliche Höhen geklettert. Rund 280 000 Euro erzielte im Juni 2016 ein Bild aus dem Spätwerk. Von solchen Summen konnte der Dangaster Maler in den 1950er Jahren nur träumen: Selten gelang es ihm, ein Bild zu verkaufen oder einen Auftrag zu ergattern.

Zehn Jahre lang, erinnerte er sich grimmig 1971, sei an ihn „nicht einmal eine Postkarte“ gerichtet worden. Das Abstrakte „raste wie eine Sturmflut über das übrige Kunstgeschehen hinweg“.

Flache Leinwand

Wer die Bildwelt des eigenwilligen Malers jedoch analysiert und nach typischen Gestaltungsprinzipien aufspaltet, erkennt leicht, dass sich Radziwill mit der Moderne und Abstraktion auf seine ganz eigene Art auseinandergesetzt hat. Nach den Schwarzweiß-Kontrasten (Teil I) und der Farbe (Teil II) im Werk des Malers widmet sich der dritte Abschnitt einer fünfteiligen Ausstellungsreihe im Dangaster Franz-Radziwill-Haus nun der Flächengestaltung. Und damit einem wesentlichen Charakteristikum der Abstraktion, das der US-Kunstkritiker Clement Greenberg (1909–1994) einst benannte: „flatness“, die Flächigkeit und betonte Zweidimensionalität der Leinwand.

In der neuen Jahresausstellung in Dangast, die am 11. März 2018 eröffnet wird, lässt sich die Bedeutung der Fläche bei Radziwill an 20 meist großformatigen Gemälden festmachen – das älteste stammt aus dem Jahr 1919, das jüngste von 1970. Die Oldenburger Kuratorin Birgit Denizel spricht dabei gern von „Vexierbildern“: Die Flächigkeit kontrastiert mit dem illusionistischen Tiefenraum. Mal gleitet das Auge des Betrachters über die flache Leinwand, mal wird der Blick in eine vage erkennbare Tiefe gesogen.

Als prominentes Beispiel dafür nennt Denizel „Das Fenster meines Nachbarn“ von 1928. Das Gemälde wird erstmals am Ort seiner Entstehung gezeigt und kann auch gleich mit dem realen Vorbild verglichen werden. Beherrschendes Element ist die zweidimensionale, neusachliche Darstellung einer Klinkerwand, das titelgebende Fenster jedoch, mit seinen Vorhängen und dem Krug auf der Fensterbank, suggeriert ein unbestimmtes Innen.

Noch stärker betont ist die Autonomie der Fläche im Frühwerk. In dem Bild „Die drei Brüder“ (1919) verzichtet der Maler ganz auf die Perspektive: Die Figuren sind gleichberechtigt in die Farbflächen integriert, die Jungs ebenso wie die Ziege auf der rosa Wiese.

Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Abstraktion als „neue Weltsprache“ etablierte und den Kunstbetrieb bestimmte, begann Radziwill die räumliche mit der flächenhaften Gestaltung zu kombinieren. Bildräume wurden ab etwa 1950 um seltsame Gitterstrukturen und Schachbrettmuster ergänzt. In dem Gemälde „Das Vordringen der Quadrate“ (1956) bezog er sich offenkundig auf ein Werk seines Kollegen Josef Albers (1888–1976): „Hommage an das Quadrat“. Die Bergwand rechts im Bild setzt sich aus lauter hell- und dunkelbraunen Vierecken zusammen. Ernsthaft? Oder doch ironisches Zitat?

Abstrakte Tendenzen

Abstrakte Tendenzen zeigen sich auch in der Oberflächengestaltung von Mauern oder Hausfassaden. Nicht selten nutzte Radziwill die Flächen in seinen Motiven als bildimmanente, sekundäre Leinwände, die er auch schon mal mit abstrakter Malerei bedeckte. Dann wieder gibt es seltsame Übermalungen wie etwa in „Die letzten Reste des Krieges“ von 1947. Etwa zehn Jahre später hat Radziwill mitten in die Landschaft ein Muster eingefügt, das entfernt an eine Tapete erinnert.

Bleiben noch die Stillleben, die Radziwill zur Fläche schlechthin erklärte, indem er die Motive verdoppelte („Einmal nah, einmal fern“, 1956) oder zerstückelte: Bierflasche und Glas, Aschenbecher mit Zigarette und Streichhölzern sowie Apfelsine und Keramiktopf stehen im „Dreigeteilten Stillleben“ (1970) nicht im Raum, sondern auf unterschiedlich gemusterten Flächen. Fast ohne Illusion.

Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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