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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Biograf will mit Legenden aufräumen

25.07.2018

Dangast /Varel /Oldenburg Dieser Vorwurf haftet dem Maler Franz Radziwill (1895– 1983) nun schon seit Jahrzehnten an: Er habe im Herbst 1933, als er zum Professor auf den Lehrstuhl für Freie Malerei an die Kunstakademie Düsseldorf berufen wurde, den Maler Paul Klee (1879– 1940) aus dem Amt verdrängt. Mit dieser „Legende“ räumt Eberhard Schmidt nun energisch auf: „Das ist Unsinn“.

Radziwill sei keineswegs auf die Stelle von Klee berufen worden und sei auch nicht aus ihr bezahlt worden. Anders als sein Kollege habe der Dangaster Maler nur „so eine Art Fachhochschulprofessur“ erhalten. Zudem habe man drei Maler neu eingestellt, nachdem zuvor zehn andere Professoren von den Nationalsozialisten entlassen worden waren. Auch hätten die Zeitungen damals keinen Zusammenhang zwischen dem Rauswurf Klees und Radziwill gesehen.

Belletristische Sprache

All das lasse sich gut belegen, sagt der 79-Jährige, der in Bremen, Oldenburg, Berlin und Düsseldorf lange recherchiert hat, um etwas zu schreiben, von dem zu vermuten war, dass es längst auf dem Markt sei: die erste Biografie über den berühmten Maler aus Dangast. Dass dem nicht so ist, hatte Radziwills Tochter Konstanze bestätigt. Als sie Schmidt vorschlug, die Lücke doch zu füllen, hat er nicht lange gezögert.

Lesung am 16. September in Dangast

Dr. Eberhard Schmidt (79) hält am 16. September um 11.30 Uhr einen Vortrag im Franz-Radziwill-Haus in Dangast (Sielstraße 3). Um Anmeldung wird gebeten (Telefon 04451/27 77).

Der Biograf wurde 1974 als Professor für Politikwissenschaft an die Uni Oldenburg berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 2004 lehrte und forschte. Seine Hauptarbeitsgebiete waren Parteien, Gewerkschaften und Umweltpolitik. Er wohnt in Bremen und widmet sich nun der Schriftstellerei.

Schmidt, der von 1974 bis 2004 als Professor für Politikwissenschaft an der Universität Oldenburg tätig war, hat sich immer für Bildende Kunst und Literatur interessiert. Und er hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, darunter jüngst eine Biografie über Kurt von Plettenberg (1891–1945), einen der Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten. Als er das „hervorragend sortierte Archiv“ in Dangast sah, darunter Radziwills umfangreiche Korrespondenz und Tagebücher, hat er sich an die Arbeit gemacht.

Ein Jahr und drei Monate hat Schmidt an der Biografie gearbeitet, der Text ist nun fertig, nur das Literaturverzeichnis fehlt noch. Und ein Verlag, aber darum macht sich der Biograf keine Sorgen. Er habe ganz bewusst keine wissenschaftlich-akademische Biografie geschrieben, sagt er, sondern sie in einer „eher belletristischen Sprache verfasst“ – ohne Nummerierungen und Fußnoten –, damit das Buch „nicht irgendwo in den Bibliotheken verstaubt“. Auch lässt er den Maler selbst zu Wort kommen.

„Je mehr ich mich eingelesen habe, desto spannender fand ich dieses Leben“, kommentiert Schmidt seine Arbeit. „Weil es vor dem Hintergrund des teilweise grauenvollen 20. Jahrhunderts abgelaufen ist.“ Der Maler habe in seinen 88 Lebensjahren die verschiedensten Herrschaftssysteme erlebt und sich mit ihnen auseinandergesetzt: „Er war einer jener Künstler, die auch eine politische Botschaft haben, ohne sie plakativ abzumalen.“ Zu keiner Zeit habe er künstlerische Zugeständnisse gemacht. Dreimal sei er vergessen worden, „und heute sind seine Bilder auf dem internationalen Kunstmarkt hoch bewertet“.

In seiner Biografie lässt Schmidt keine strittigen Themen aus. Auch auf die Geschichte um die Denunziation von zwei Dangaster NSDAP-Mitgliedern – sie verließen vorzeitig eine Kundgebung am 1. Mai 1937 und suchten stattdessen den Dorfkrug auf –, geht er ein. Die schriftliche Beschwerde eines Nazi-Funktionärs über die beiden habe Radziwill in seiner damaligen Funktion als Kreiskulturstellenleiter pflichtgemäß an die Gauleitung weitergeleitet. Doch keiner der Beteiligten habe einen Nachteil erlitten, betont Schmidt. Radziwill sei mit beiden Kneipengängern weiterhin befreundet gewesen.

Unbeliebt gemacht

Aufgekommen sei die Sache erst nach Radziwills Tod. Damals gab es viel Streit um ehrgeizige Baupläne, denen das Engagement von Naturschützern entgegenstand. Radziwill war zu Lebzeiten einer der ersten und besonders rigoros.

Von den 50er Jahren an habe er sich in Dangast zunehmend unbeliebt gemacht, sagt Schmidt. „Das ging so weit, dass Bauern in einer Versammlung beschlossen haben, ihm eine Lektion zu erteilen und ihm die Fensterscheiben einzuschlagen“, erzählt Schmidt und beruft sich auf eine Teilnehmerin der Versammlung. Aus Rücksicht auf Radziwills Frau Inge, „die im Dorf sehr beliebt war“, habe man es sein lassen. Aber immerhin sei ein Felsbrocken an die hölzernen Fensterläden geflogen.

Schmidts Erzählungen aus Radziwills Leben sind farbig, kenntnisreich und sorgfältig recherchiert. Ein Außenseiter sei der Maler gewesen, ein eigensinniger, störrischer Mensch, resümiert er und lacht über Radziwills Angewohnheit, als Vogelwart in Dangast mit der Trillerpfeife aufzutreten und Liebespaare aus dem Schilf zu jagen.

Die Dangaster hätten ihm auch einen Spitznamen verpasst: Erzengel Gabriel. Ein ziemlich unbequemer Engel der Verkündigung.

Regina Jerichow
Stellv. Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2061

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