DANGAST/WARDENBURG - Wer im Freien inszeniert, muss praktisch denken. Mit dem knallroten Overall, in dem Regisseur Thomas Willberger über die Weide hinterm Deich stapft, ist er selbst auf dem weitläufigen Gelände gut zu sehen, seine Baseballmütze schützt ihn vor der Sonne und die Gummistiefel. . ., nein, nicht unbedingt vor dem Regen. Für punktuell matschige Bodenverhältnisse sind die Schafe verantwortlich, die sich beim Grasen und Verdauen auch nicht von der plötzlich über sie hereinbrechenden Schauspielkunst beeindrucken lassen.

Der Naturalismus der Umgebung setzt sich in Willbergers Inszenierung des Stückes „Edo Wiemken“ fort, das er selbst für das Dangaster Freilichttheater geschrieben hat. Zu sensibel, modern oder ästhetisierend dürfe man da nicht vorgehen, sagt er und schüttelt energisch den Kopf, während er nebenbei einen kritischen Blick auf die Proben wirft. Sonst könne man ja auch drinnen inszenieren.

Um aber draußen die dramatische Geschichte um den legendären Friesenhäuptling Edo Wiemken so überzeugend und glaubhaft über die Bühne zu bringen wie drinnen, scheut das Team und sein 70-köpfiges Ensemble keinen Aufwand. Das reicht vom Tiertrainer, der einen kapitalen Ochsen führen soll, über die Holzpalisaden der angedeuteten Burg, die schon seit Monaten stehen, um eine angemessene Patina anzunehmen, bis zum Bühnenfechtmeister, der die Laiendarsteller in kampferprobte Friesen und Likedeeler verwandelt.

Die Glaubwürdigkeit beginnt bei Letzterem schon bei der Wahl der Waffen, die eigens geschmiedet wurden: Da ertönt echtes Stahl, wenn sich die Klingen kreuzen, wenn auch kein scharfes. Die Holzschwerter, die zu Beginn der Proben verwendet wurden, seien keineswegs leichter zu handhaben, korrigiert Robert Schnöll laienhafte Vermutungen: „Die nimmt man nur, um die psychologische Hemmschwelle abzubauen.“

Er muss es wissen, denn er ist ein Profi, der fürs Theater ebenso tätig ist wie für Film und Fernsehen. Der gebürtige Allgäuer lebt seit mehr als 20 Jahren in Wardenburg, hat in Oldenburg Sport, Wissenschaft und Kunst studiert und arbeitet als Selbstständiger deutschlandweit. Sein Credo klingt erstaunlich uneitel: „Wenn ich in der Premierenkritik eines Stückes nicht erwähnt werde, dann habe ich meinen Job gut gemacht.“ Die Kampfszenen müssen für ihn nahtlos ins Bühnengeschehen übergehen, sonst verrate sich das Theater.

Bis zur Premiere am 15. August haben die Laiendarsteller noch zu kämpfen. Mehrmals probt Schnöll eine Szene im fünften Akt, ein Treffen zwischen Friesen und Likedeelern, bei dem es zwei Tote gibt.

Eben ein „geselliges Beisammensein“ Ende des 14. Jahrhunderts, meint Willberger ironisch, das waren halt „Männer fürs Grobe“. Nach dem vierten Durchgang sitzt der finale Dolchstoß schon recht ordentlich, aber noch nicht perfekt. Das Schlimmste sei, wenn einer in einer Gruppenszene nicht wisse, wie es weitergeht, betont Schnöll: „So einer steht sofort im Zentrum aller Zuschaueraugen.“

Perfekt soll es auch klingen, wenn einer seinen Kopf verliert. Weil die Bluttat für den Zuschauer nicht zu sehen ist, wurde eine Melone „geköpft“ und das Geräusch aufgenommen. Der Sound wird zur Vorstellung eingespielt. „Geräusche machen 60 Prozent der Wirkung aus“, sagt Schnöll. In diesem Fall werden die restlichen 40 Prozent von der Optik besorgt: Der Kopf wird anschließend auf einen Pfahl genagelt und gesellt sich zu den anderen Plastikschädeln, die zu den Vorstellungen eigens präpariert werden sollen, um Vögel anzulocken. Einfach perfekt.