Oldenburg/Berlin - Passt das Kunstwerk durch die Tür? Wie bewahre ich die Bilder vor Eselsohren? Welche Länge ist den Besuchern bei Ausstellungstexten zuzumuten? Wer Kunstwissenschaften studiert hat, weiß ganz viel über Theorie, aber meist wenig über Praxis. Diese Lücke schließt die Museumsakademie Musealog mit Sitz in Emden seit nunmehr 17 Jahren und erweist sich dabei für arbeitsuchende Akademiker oft als Türöffner zu attraktiven Stellen in Museen und Kultureinrichtungen.

So zum Beispiel für Isabell Flemming, die 2011 ihr Magisterstudium Kunstwissenschaft in Oldenburg abgeschlossen hat – und erst einmal nicht weiter wusste. Heute arbeitet sie im Käthe-Kollwitz-Museum in der Berliner Fasanenstraße – sozusagen im Herzen der Hauptstadt – wo sie als Volontärin gerade gemeinsam mit der neuen Museumsleiterin Dr. Iris Berndt die neue Dauerausstellung eröffnet hat. „Ohne Musealog wäre ich heute nicht hier“, ist sich die 31-Jährige sicher. „Gerade im kunsthistorischen Bereich ist es sehr schwierig, einen Fuß in die Tür zu bekommen.“

Die achtmonatige duale Fortbildung ist nach Angaben von Musealog-Leiter Dirk Heisig ein bundesweit einmaliges Angebot an arbeitsuchende Akademiker. „Wir haben Teilnehmer von München bis Stralsund“, so Heisig, inzwischen waren es 446 „Musealogen“. Die Vermittlungsquote liege sechs Monate nach dem Kurs bei rund 70 Prozent.

Zwei Drittel der Ausbildungszeit verbringen die Kunstexperten in einem der zehn Partnermuseen, ein Drittel der Zeit lernen sie in Fortbildungen alles, was für den Museumsalltag wichtig ist. Von „Sammeln und Entsammeln“ über „Forschen und Dokumentieren“ bis zum Museumsmanagement inklusive Webdesign und Soziale Medien. „Gerade diese Vielseitigkeit hat mir gut gefallen“, sagt Isabell Flemming, „man hat das gesamte Spektrum vermittelt bekommen, was Museumsarbeit umfasst.“ Diese „Allrounder“-Fähigkeit zahle sich vor allem für kleine Häusern wie das Käthe-Kollwitz-Museum aus, wo die Akademikerin aus Oldenburg dank ihrer Grafikdesign-Kenntnisse auch Flyer und Broschüren erstellt und an der erstmals angebotenen Audioführung für Smartphone-Nutzer mitgearbeitet hat.

Dass das Weiterbildungsangebot aus Weser-Ems die Weichen für Isabell Flemming Richtung Berlin gestellt hat, ist aber nicht allein dem begehrten Praxiswissen zu verdanken. Vielmehr kam die junge Akademikerin bereits im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, ihrem Partnermuseum während der Musealog-Ausbildung, in Kontakt mit Käthe Kollwitz – und konnte damit bei der Bewerbung punkten. „Als wir im Landesmuseum die grafische Sammlung digitalisiert haben, war ich für den Buchstaben K zuständig“, blickt sie auf den glücklichen Zufall zurück, dem sie die erste intensive Berührung mit einer der bedeutendsten Künstlerinnen der vergangenen Jahrhunderte verdankt. Die Begeisterung wuchs mit der Lektüre von Biografie, Tagebüchern und Briefen. Das Bild von der „Elendskünstlerin“, das sie aus ihrer Kinder- und Jugendzeit in Schwerin im Kopf hatte, ist mittlerweile revidiert.

„Das Schöne an dem Beruf ist für mich vor allem, dass ich zu den Privilegierten gehöre, die die Kunstwerke anfassen dürfen“, sagt Flemming. Damit dabei nichts schiefgeht, haben die Musealogen ganz grundlegende Sicherheitsvorkehrungen verinnerlicht, zum Beispiel: Grafiken nur mit Gummihandschuhen anfassen, lange Halsketten können Vasen schaden, weite Röcke Werke umreißen. Einfache Maßnahen, die im Eifer des Museumsalltags mitunter vergessen werden und böse Folgen haben können. Anspruchsvoller wird die Schadensabwehr, wenn es um das Mikroklima in den Ausstellungsräumen geht. „Will jemand Objekte ausleihen, recherchieren wir, ob die Räume zu der Kunst passen“, so Flemming. Keine Chance hatte das Museum, das Grafiken in einem ehemaligen Schwimmbad unterbringen wollte.

Für Isabell Flemming war Musealog das „Sprungbrett“ ins Berufsleben. Ihr Volontariat läuft bis zum September 2015. Dann wird sie sehen, ob es in einem der zahlreichen Berliner Museen weitergeht. Oder ob es sie vielleicht doch wieder in den Norden zieht, denn das kulturelle Angebot hier weiß sie durchaus zu schätzen: „Ich war noch nie bei der Berlinale, aber bin jedes Jahr beim Oldenburger Filmfest.“

Dr. Irmela Herold
Dr. Irmela Herold Online-Redaktion