Neal, kann es sein, dass das neue Journey-Album mit einigen ungewohnten Rhythmen überrascht?
SchonJa, das könnte man so sagen. Ich bin ein großer Rhythm’n’Blues- und Funk-Fan, auch wenn das viele nicht wissen. Ich habe auf dem ersten Album von Betty Davis gespielt, worüber man bis heute sehr positiv spricht. Ich habe mit Greg Errico und Larry Graham von Sly And The Family Stone gespielt, die tief im Heavy Funk verwurzelt sind und waren. Ich liebe diese Art Musik, wie etwa die von James Brown, Curtis Mayfield oder Aretha Franklin, ebenso wie Avantgarde-Jazzgitarristen à la John McLaughlin, den ich sehr oft höre. Und ich liebe den Blues. Er ist die wichtigste Grundlage für die Art Rockmusik, mit der ich aufgewachsen bin.
Eure aktuelle Single „You Got The Best Of Me” ist dafür ein gutes Beispiel, oder?
Neal Schon wurde im Februar 1954 als Sohn eines Bigband-Musikers/Komponisten und einer Sängerin geboren. Im Frühjahr 1971 wurde der gerade einmal 17-Jährige festes Mitglied bei Santana und spielte auf deren Alben „Santana III“ und „Caravanserai“. Bereits 1972 verließ Schon die Band wieder und gründete Journey. Bis heute verzeichnete die Gruppe allein in den USA mehr als drei Dutzend Top-40-Singles, ihre größten Hits sind „Don’t Stop Believin’“ und „Wheel In The Sky“. Das Album „Freedom“ ist Journeys 15. Studioalbum seit 1973.
SchonDer Song ist sogar ein Paradebeispiel für die Zusammenarbeit mit unserem neuen Schlagzeuger Narada Michael Walden. Ich mag es, wenn meine Ideen nicht nur auf Gitarren basieren, sondern auch andere Instrumente im Mittelpunkt stehen. Deshalb ist das Arrangieren ein enorm wichtiger Bestandteil des Songwritings. Für mich ist Jimmy Page von Led Zeppelin der ultimative Meister im Arrangieren. Denn er hatte, einem Maler durchaus ähnlich, bereits ein klares Bild vom Song vor Augen, auch wenn – im übertragenen Sinne – noch kein Farbstrich auf der Leinwand zu sehen war. Ich finde, „You Got The Best Of Me” klingt wie eine leicht punkige Version unserer 1980er Single „Anyway You Want It“.
Ist das Songschreiben einfacher geworden, weil du über so viel Erfahrung verfügst? Oder wird es immer schwieriger, sich nicht zu wiederholen?
SchonIch wiederhole mich sowieso nicht, wie man an unserem neuen Album mit seinen Funk-Einflüssen erkennen kann. Für Journey ist diese Scheibe sogar eine kleine Revolution. Vieles auf „Freedom“ dreht sich um Rhythmus, um Blues und Soul, und diese Kombination muss man fühlen, man kann sie nicht am Reißbrett planen.
Fehlt jungen Musikern diese Fähigkeit?
SchonEs gibt viele erstklassige Gitarristen, die deutlich besser, schneller und virtuoser sind als ich. Sie mögen technisch allesamt großartig sein, aber für mich klingen sie alle gleich.
Woran liegt dies?
SchonIch will ehrlich zu dir sein: Diese Gitarristen spielen Scales, die ich nicht einmal kenne. Ich kenne mich mit Theorie nur wenig aus. Ich kann auch nur das spielen, was mir mein Vater beigebracht hat, der selbst Musiker war. All diese Jazz-Skalen, diese komplizierten Akkordstrukturen, sie waren noch nie mein Ding. Ich erinnere mich noch genau daran, dass einer meiner frühen Lehrer zu mir sagte: „Neal, du brauchst diese Lektionen überhaupt nicht. Du bist ein Bluesmusiker und solltest dein eigenes Ding machen.“ Also beendete ich den Unterricht und folgte seinem Rat. Von da an habe ich einfach das weiterentwickelt, was mir in den Fingern lag, was ich mit meinen eigenen Ohren heraushören konnte. Ich spielte einfach das, was mich bewegte, und achtete darauf, was mir die Gitarre erzählt.
Erzählt dir deine Gitarre auch etwas über ein nächstes Soloalbum?
SchonHahaha. Daran habe ich bislang noch keinen Augenblick gedacht. Aber natürlich gibt es Unmengen an Ideen, die bei mir zuhause herumliegen. Mein Handy ist mein neuer Kassettenrekorder. Damit habe ich während des Lockdowns eine Menge ziemlich avantgardistisches Zeugs im Stile von Miles Davis aufgenommen, obwohl ich nie Jazz, nie Bebop studiert habe, wie etwa Mike Stern. Mein nächstes Soloalbum wird sicher in der Art von „Bitches Brew“ werden. Ich folge da einfach meinem Instinkt.
