Oldenburg - Antoine Jully, Ballettdirektor und Chefchoreograf am Oldenburgischen Staatstheater, hat sich zum zehnjährigen Bestehen der von ihm geleiteten Ballett-Compagnie Oldenburg ein großes Projekt vorgenommen: die Entdeckung und deutsche Erstaufführung des in Estland berühmten Handlungsballettes „Kratt“. Die Idee dazu verfolgte er schon seit 2021, doch musste diese Großproduktion mehrfach wegen Corona verschoben werden.
Das 1943 im estnischen Tartu uraufgeführte Ballett von Eduard Tubin mit seiner traditionellen Figurenkonstellation erfuhr in Oldenburg eine Neuinterpretation: Zusammen mit Dramaturgin Telse Hahmann entwickelt Antoine Jully eine Geschichte, die zwar ihre Bezüge zu der estnischen Sagenfigur „Kratt“ und deren Ursprung in estnischen Volksbräuchen hat, aber gleichzeitig in einem zeitlosen Umfeld spielt, das Bezüge zur Gegenwart durchaus zulässt. Der Kobold Kratt – normalerweise männlich besetzt – wird hier zu einer Koboldin. Einmal von teuflischen Kräften zum Leben erweckt – überhäuft sie ihren Besitzer mit Geschenken und Reichtümern und hält ihn auch ansonsten ordentlich auf Trab. Der junge Mann, der durch drei ihm entrissene Blutstropfen an seinen Kratt gebunden ist, verliebt sich in sein Geschöpf und muss im Verlaufe des Stücks viele Kämpfe überstehen, bis beide sich am Ende von einer mysteriösen Kraft befreien.
Hohes Niveau
Teele Ude als Kratt tanzt mit feiner, sicherer Technik zunächst als kaltes unmenschliches Geschöpf und nach und nach mit immer mehr Emotionen und Fran Kovačić als Junger Mann tanzt mit großer Kraft und Temperament auf hohem Niveau. Die Passagen der beiden sind – wie in klassischer Ballettmanier – mit unzähligen tanztechnischen Details gespickt: Pirouetten in allen Variationen, große Sprung-Manegen und variantenreiche Hebungen gibt es zu sehen. Besonders virtuos auch Seu Kim, der mit dem rätselhaften Fremden (mit knallroter Perücke) den teuflischen Part übernimmt.
Vielleicht liegt doch genau hier eine gewisse Schwäche im Konzept, denn wo Antoine Jully in den vielen gelungenen Gruppenszenen interessante, freie Bewegungsfolgen entwickelt – der Tanz mit den Hemden, die folkloristischen Einschübe oder der witzige Torkeltanz der Männer nach einer durchzechten Nacht – gehen die Szenen der drei Protagonisten oft übergangslos vom Situativen in tanztechnische Bravourelemente über. Wobei der Ansatz Jullys, weitgehend auf pantomimische Elemente zu verzichten und die Geschichte ganz durch Tanz zu erzählen, insgesamt sehr geglückt ist.
Sehr stimmungsvoll
Das Ringen mit den dunklen Kräften thematisiert auch das von Thomas Ziegler gestaltete Bühnenbild mit schwarz-weißen Projektionen und variablen Bühnenteilen, die verschiedene Räume entstehen lassen. Wunderschön ist der Moment, mit dem nach der Pause der 3. Akt beginnt: Zur lyrischen Musik, die das Mittsommernachtsfest einleitet, wird das Portal und die barocke Decke des Staatstheaters mit gelb-orangen Farben wie bei einem Sonnenaufgang beleuchtet, das schafft Stimmung…
Vito Cristofaro führt das Oldenburgische Staatsorchester mit sicherer Hand durch Eduard Tubins schwierige Partitur: eine Musik geprägt von starken rhythmischen Passagen, kontrastiert durch lyrische Momente, die aber insgesamt antiromantisch wirkt. Das Staatsorchester musiziert souverän und mit großem Engagement.
Ein für die Zuschauer anspruchsvoller, aber beeindruckender Abend!
