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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Das Böse im privaten Plüsch

02.09.2014

Oldenburg Es war im Sommer 1973 im französischen Cannes. Man schrie herum, man stritt, man schlug sich. Der Zuschauerraum wurde zum Tollhaus – bei Filmfesten ja eher eine Seltenheit. Die Vorführung von „Swastika“ musste abgebrochen werden. Der deutsche Verleih beschloss daraufhin in vorauseilender Vorsicht, den Film erst gar nicht zu zeigen. Der Streifen verschwand im Archiv.

Erst im Jahr 2000 kam der Dokumentarfilm in einige deutsche Kinos und als DVD auf den Markt. In diesem Jahr wird er nun während der Retrospektive des australisch-amerikanischen Regisseurs Philippe Mora (65) auf dem Filmfest Oldenburg gezeigt werden (siehe nebenstehenden Kasten).

Mehr zum Filmfest Oldenburg

Kann man heute noch die Aufregung von damals verstehen? Der Film arbeitet hauptsächlich mit Filmrollen, die 1945 von amerikanischen Truppen auf dem Obersalzberg, dem Feriendomizil Adolf Hitlers, beschlagnahmt wurden. Die acht verwendeten Zelluloidrollen stammen aus dem Archiv von Eva Braun, Hitlers Sekretärin, Gefährtin, späteren Frau. Sie zeigen den Diktator in seiner ganzen furchtbaren Normalität: beim Kaffeetrinken, beim Rumstehen und Rumgehen auf der riesigen Terrasse des Berghofes, beim Spaziergang, beim Lesen in Unterlagen.

Retrospektive Philippe Mora

Das Filmfest Oldenburg (10. bis 14. September) widmet dem gebürtigen australischen Regisseur Philippe Mora eine Filmreihe. Gezeigt wird auch „Swastika“ am 11. September um 21.30 Uhr in Oldenburgs Kulturetage (Bahnhofstraße 11). Swastika ist der altindische Name des uralten Kreuz-Symbols, das die Nazis als Hakenkreuz übernahmen.

Infos unter:

Infos unter:www.filmfest-oldenburg.de

Das allein wird im Sommer 1973 kaum provoziert haben, denn Aufnahmen in dieser Art waren da längst bekannt. Es war die Tatsache, dass Regisseur Mora alle Aufnahmen, sieht man von wenigen textlichen Einblendungen ab, völlig unkommentiert laufen ließ. Zudem wurden etliche Szenen nachträglich synchronisiert, man hatte dafür Lippenleser für den Film engagiert.

Geheimnisvolles hört man nicht: „Nehmen Sie noch Kaffee?“, fragt jemand banal Martin Bormann, Hitlers Vertrauten. Im Hintergrund läuft Albert Speer herum und guckt nach Kuchen.

Viele Aufnahmen in Farbe zeigen schönes Wetter und eine wunderbare Landschaft. Zwei Wachsoldaten schäkern mit kleinen Kindern. Nur kurz wird zwischendurch das Elend verhungernder Kinder im Warschauer Ghetto eingeblendet. Auch Propagandaauftritte Hitlers, Inszenierungen der mächtigen Parteitage der NSDAP, die von Leni Riefenstahl stammen könnten, montierte man in die Dokumentation. Und immer wieder landet man beim gemütlichen Sofa-Plüsch auf dem Obersalzberg.

Kein Guido Knopp erklärt einem das Ganze, erläutert die Privatheit des Diktators. Das erschreckte 1973 wohl die Kritiker des Films in Cannes. Ihnen fehlte die historische Einordnung. Entlarvt sich das Material selbst oder ist die Präsentation letztlich unkritisch? So ganz haben die Macher von „Swastika“ wohl nicht an die Bilder geglaubt. Am Ende hört man grummelndes Gewitter, überfliegt man das kaputte Berlin, hört man ein ironisches Lied, sieht man ausgemergelte Leichen in Bergen-Belsen.

Der Film ist kein Skandal mehr. Höchstens ist es ein Skandal, dass er so lange nicht gezeigt wurde.

Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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Braun | NSDAP

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