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NWZonline.de Nachrichten Kultur

„das Boot“ - Die Serie: Verfolgungsjagd im Atlantik geht weiter

28.04.2020

Prag Wenn Jürgen Weber von den Fahrten als U-Boot-Kommandant erzählt, lebt er auf. „Man ruft Fl-u-u-uten und das wird dann von der gesamten Besatzung wiederholt“, erzählt der Westfale mit Vollbart und durchdringender Stimme. Der Ruf wandert durch das U-Boot, die Tauchzellen füllen sich mit Wasser. In diesem Moment sei jedem an Bord klar, so der Fregattenkapitän im Ruhestand: „Jetzt gehen wir in den Keller.“ Also in die Tiefe des Meeres.

Tatsächlich bewegt sich der Boden aus Stahl im Rhythmus der Wellen. Dann wird es heftiger. Man muss sich schon festhalten auf dem Weg durch die Mannschaftsräume, um nicht umzufallen. Im berüchtigten Skagerrak, da habe er sogar 15 Grad Neigung zu jeder Seite erlebt, erzählt Weber und sagt nüchtern: „Je nachdem, wie die Stürme so durchhauen.“ Es ist eng im Druckkörper. Durchmesser: 4,70 Meter.

Doch zum Glück spielt sich das alles nicht auf hoher See ab, sondern in einem Filmstudio in Prag. Dort hat man für die zweite Staffel der Serie „Das Boot“ den kompletten Innenraum eines U-Boots der Weltkriegsklasse Typ VII C nachgebaut. Bis auf die letzte Schraube. Eine aufwendige Hydraulik sorgt dafür, dass die langgestreckte Röhre hin- und hergeschaukelt werden kann. Webers Aufgabe als militärischer Berater war es, die Filmcrew zu beraten. Das Ergebnis ist ab sofort bei Sky zu sehen.

Lesetipp: U 96 - das exklusive Original-Tagebuch der letzten Tauchfahrt auf NWZonline

Der Bezahlsender verspricht neue Geschichten „zur See und an Land“, die an mehr als 100 Drehtagen unter anderem in Prag, Liverpool und auf Malta aufgenommen wurden. Diesmal führt ein Geheimauftrag nach Nordamerika. An der Ostküste der USA soll U-Boot-Kommandant Johannes von Reinhartz (Clemens Schick) drei Saboteure absetzen. Als Zweifel an seiner Loyalität aufkommen, wird Korvettenkapitän Wrangel (Stefan Konarske) zur Verfolgung hinterhergeschickt.

Ein weiterer Erzählstrang dreht sich um den Kommandanten von U 612, Klaus Hoffmann, gespielt von dem 31 Jahre alten Rick Okon, bekannt aus dem Dortmunder „Tatort“. In der ersten Staffel hatte seine meuternde Mannschaft den Kaleun auf einem Schlauchboot im Atlantik ausgesetzt. Nun ist er in New York angekommen, entdeckt die Jazz-Szene, arbeitet aber zugleich an seiner Rückkehr nach Nazi-Deutschland, wo er für tot gehalten wird.

Eine Meuterei auf einem U-Boot – spätestens da dürfte auch dem letzten Zuschauer klar sein, dass es sich hier um reine Fiktion handelt. Die Kriegsserie setzt zwar auf die Marke „Das Boot“, ist aber keine Fortschreibung. Der gleichnamige Kinofilm von Wolfgang Petersen aus dem Jahr 1981 hatte die Faszination am Mythos „U-Boot-Krieg“ neu aufflammen lassen und aus dem Roman des Ex-Kriegsberichterstatters Lothar-Günther Buchheim geschöpft.

Die Realität im Zweiten Weltkrieg war grausam, denn die Waffengattung erhielt den Beinamen „schwimmende Särge“ nicht ohne Grund. Knapp 30 000 der rund 40 000 deutschen U-Boot-Soldaten gingen in den Tod. Von 863 U-Booten, die zum Kampfeinsatz kamen, gingen 784 unter. Das hielt die nationalsozialistische Propaganda nicht davon ab, die Weiterentwicklung der Torpedoboote als angebliche Wunderwaffe zu präsentieren.

Neu dabei sind in der zweiten Staffel die Schauspieler Thomas Kretschmann („Stalingrad“), Sebastian Hülk („Das weiße Band“), Ulrich Matthes („Bornholmer Straße“) und Michael McElhatton („Game of Thrones“). Wieder angeheuert hat Vicky Krieps. Für ihre Rolle als Übersetzerin in der ersten Staffel hatte die Luxemburgerin den Deutschen Fernsehpreis erhalten.

Für alle Schauspieler hatte Marineberater Jürgen Weber zu Beginn der Dreharbeiten ein sogenanntes Bootcamp organisiert. Dort sollten sie lernen, wie man sich an Bord bewegt, verhält und spricht. Seine eigene Zeit auf einem U-Boot der Deutschen Marine habe ihn geprägt, sagt Weber, der vor allem die Kooperation und Teamarbeit unter den Besatzungsmitgliedern hervorhebt. Diese Erfahrungen hätten ihn auch ein bisschen arrogant gemacht, räumt der Ex-Kommandant freimütig ein: „Was kann an Land denn schon passieren – die richtigen Gefahren lauern auf See, wo man nicht abhauen kann.“

Was geschah an Bordder U 96? Der Bremer Journalist und NWZ-Autor Gerrit Reichert ist dieser Frage auf den Grund gegangen und hat dabei auch die Rolle von Lothar-Günther Buchheim, Autor des 1973 erschienenen Bestsellers „Das Boot“, genau untersucht. In seinem Buch „U 96 – Realität und Mythos“ enthüllt Reichert, wie sich der Propaganda-Experte und Kriegsberichterstatter Buchheim später als Roman-Autor zum einzig wahren Kenner des U-Boot-Krieges stilisierte.

Reicherts im September 2019 erschienenes Buch ist nun in einer überarbeiteten und erweiterten Zweitauflage erhältlich.

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