Oldenburg/Kaufbeuren - Wie Schemen tauchen sie in der Stadtgeschichte auf: jene 95 Menschen, die von den Nationalsozialisten zwischen 1937 und 1941 in der sogenannten Pflegeanstalt Blankenburg zu Tode gequält wurden. Darunter viele behinderte Jugendliche und Kinder, die elend verhungerten. Mit viel Engagement haben Waldorf-Schüler diese Euthanasie-Schicksale erforscht und hatten sie im April im Kulturausschuss vorgetragen, da einige der Toten bis heute kein Grab haben, sondern verscharrt und im Schweigen vergraben worden waren. Über Jahre hatte die Klasse geforscht und macht sich noch dafür stark, dass die Toten eine würdevolle Ruhestätte bekommen.

Auch der schwäbische Journalist und Autor Robert Domes hat über fünf Jahre recherchiert, um dem 14-jährigen Ernst Lossa ein Denkmal zu setzen, der in der sogenannten Heilanstalt Kaufbeuren 1944 von den Nazis umgebracht wurde. Auf Domes Tatsachen-Roman basiert der Film „Nebel im August“, der Ernst Lossas Leben nachzeichnet und im Casablanca-Kino (14.00, 20.50 Uhr) angelaufen ist. Sebastian Koch und Fritzi Haberlandt spielen Hauptrollen.

Domes, bis 2002 Lokalchef der „Allgäuer Zeitung“ in Kaufbeuren (Bayern), hatte die 60 Jahre alte Krankenakte Ernst Lossas von dem heutigen Leiter des Bezirkskrankenhauses, einer großen psychiatrischen Klinik, in die Hand bekommen.

Und obwohl Dr. Michael von Cranach schon in den 80er Jahren die dunkle Vergangenheit seines Hauses aufgearbeitet hatte, begegnete Robert Domes während seiner Recherchen auch dem großen Schweigen. „Das Thema wurde hier in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen“, berichtet er. „Die Opfer haben bis heute keine Lobby.“

Anders als die Nachkommen politischer Opfer schämten sich die Verwandten der behinderten Menschen, die von den Nazis als sogenanntes unwertes Leben umgebracht wurden, oftmals noch heute. Das habe er auch in Gesprächen mit Ernst Lossas Schwester gespürt.

In Domes Buch und auch im Film wird der Alltag in diesen „Anstalten“ sichtbar. Berichtet hat ihm davon ein Leidensgenosse Ernst Lossas, der das Grauen überlebte. Insgesamt geht man inzwischen von mehr als 2300 Euthanasie-Opfern in Kaufbeuren aus.

Während seiner Recherchen in Archiven, vor allem aber in der Zeit des Schreibens habe er versucht, in die Haut des Opfers zu schlüpfen. „Das hat mich psychisch sehr mitgenommen. Und meine Frau wollte meinen PC manchmal aus dem Fenster werfen.“ Er wählte sich dieses schwere Thema für seinen ersten Roman, weil er den Euthanasie-Opfern ein Gesicht geben wollte. Und weil er sich wünscht, dass junge Menschen das Thema verstehen.

Ein halbes Jahr versuchte er, das fertige Manuskript zu verkaufen, doch es gab nur Absagen, oft gar keine Antwort von den Verlagen. Erst einer Agentin gelang es dann, das Thema zu platzieren.

Dass das Buch je mit so bekannten Schauspielern wie Sebastian Koch und Fritzi Haberlandt verfilmt werden würde, davon hat er nie zu träumen gewagt. Kai Wessel („Hilde“) schrieb das Drehbuch. „Aber das ist natürlich eine wundervolle Entwicklung.“

Ein Theaterstück wird folgen, zu dem der in Oldenburg aufgewachsene deutsche Dramaturg John von Düffel das Skript schreibt.