Berne - Zur Kleinwüchsigkeit von Franz Schubert gibt es eine Karikatur. Der Sänger Johann Michael Vogl schreitet erhobenen Hauptes voran, ein Kerl von zwei Metern. Ihm folgt der Komponist: 1,57 Meter Körperlänge. Wer seine drei letzten Klaviersonaten hört, dem setzt sich im Kopf noch ein anderes Bild zusammen: Vorweg schreitet Schubert – hinter ihm der Tod.
Nina Tichman spürt bei ihrem denkwürdigen Klavierabend in der ausverkauften Konzertkirche in Warfleth (Gemeinde Berne/Wesermarsch) dieser Kleingruppenbildung nach. Die Sonaten c-Moll Deutsch-Verzeichnis 958, A-Dur D 959 und B-Dur D 960 stammen aus Franz Schuberts letztem Lebensjahr 1828. Die erste ist harsch verstörend, die zweite sonniger mit harten Schattenwürfen und die dritte ganz wie aus der Zeit gefallen.
Die Musik kann die Todesahnungen des schwer von Krankheit getroffenen Komponisten nicht abstreifen. Doch die in Düsseldorf lehrende amerikanische Pianistin legt ihr Konzept auf eine endliche Versöhnung aller Gegensätze an. Den düsteren Momenten und quer verstrebten harmonischen Linien weist sie ihre große Bedeutung zu. Doch sie hebt am Ende die Gegensätze auf und führt die Musik in die Sphäre der Unzerstörbarkeit.
Die manuellen Mittel und die emotionale Tiefe der 67-Jährigen reichen in diesem Kraftakt weit. Tichman entwickelt ein untrügliches Gespür für die Tempi, die bei ihr durchaus zügig sein können. Ihre Linke gibt den Basslinien und den untergründigen Entwicklungen ein ungewöhnlich klares Profil.
In engen Räumen wartet sie mit vielen Anschlagsschattierungen auf. In weiten Räumen erkennt sie immer das entfernte Ziel. Trotzdem haftet ihrem Spiel nie etwas Gesuchtes an. Die Musik entwickelt sich überaus natürlich, doch niemals widerstandslos. Wie akribisch sie arbeitet, zeigt ein Beispiel aus dem Scherzo der B-Dur-Sonate. Da spielt sie selbst diese unscheinbaren Forte-Piano-Akzente ebenso markant wie logisch aus.
Überhaupt die B-Dur-Sonate des 31-jährigen Schubert. Da schwebt diese mystische fünfstimmige Melodie aus fünf Viertelnoten und einer punktierten halben wie aus einer anderen Welt herein. Mit einem düsteren Triller in der Tiefe räuspert sich der Tod. Doch Schubert betört ihn mit dieser Melodie, immer wieder.
Da erkennt selbst der Tod seine Grenze. Diesen Menschen wird er bekommen. Diese Musik nie.
