Oldenburg - Die Verleihung des Kulturpreises Schlesien des Landes Niedersachsen im Oldenburger Staatstheater durch den niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius und den Vizemarschall Niederschlesiens Krzysztof Maj am 24. September war ein gelungenes deutsch-polnisches Fest. Erneut wurde eine Mitarbeiterin des BKGE, Dr. Beate Störtkuhl, ausgezeichnet. Die besondere Bedeutung Schlesiens für das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen EuropaInstituts ist kein Zufall, denn die Region steht für das gemeinsame europäische Kulturerbe ebenso wie für die dunklen Seiten des 20. Jahrhunderts: kulturelle Vielfalt, Austausch verschiedener konfessioneller und ethnischer Gruppen auf der einen, NS-Verbrechen, Krieg, Unterdrückung von Minderheiten, Zwangsmigrationen und nationalistischer Streit um Deutungshoheiten auf der anderen Seite.

Hinsichtlich dieser Themen bestehen noch immer Differenzen zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn. Neuerdings instrumentalisieren populistische Parteien die Vergangenheit für ihre politischen Ziele und fördern dabei nicht selten antideutsche Ressentiments. Im Angriffskrieg gegen die Ukraine missbraucht Putin die Geschichte als Waffe, indem er der Ukraine ihre historische Identität und ihr Existenzrecht abspricht und ihrer Bevölkerung offen mit Vernichtung droht. In Europa gibt es nicht nur eine Konkurrenz, sondern auch einen Krieg der Erinnerungen.

Was hat all das mit dem BKGE zu tun? Dessen Auftrag ist die Beratung und Unterstützung der Bundesregierung im Bereich von Geschichte und Erinnerung, und dabei spielt aktuelle Geschichtspolitik eine wichtige Rolle.Zu den bisherigen Aufgaben sind neue hinzugetreten: Der Krieg gegen die Ukraine ist auch auf die Vernichtung von Kulturgütern ausgerichtet. Deshalb organisiert das BKGE im Auftrag der Kulturstaatsministerin Claudia Roth zusammen mit dem „Ukraine Art Aid Center“ die Lieferung von Ausrüstung und finanziert Projekte zum Schutz von Kunst und Kultur in der Ukraine.

Nicht zuletzt angesichts aufkommender Europaskepsis koordiniert das BKGE die Mitwirkung Deutschlands im multilateralen „Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität“, das den unterschiedlichen historischen Erfahrungen und dem Dialog über das 20. Jahrhundert gewidmet ist. Europaweit werden die Begegnung von Multiplikator*innen im Bereich historischer und kultureller Bildung sowie Wissenschaft organisiert.

Viel Resonanz findet das 2020 anlässlich der EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands begonnene literaturwissenschaftliche Projekt „Shared Heritage“. Es bietet Schriftsteller*innen in und aus dem östlichen Europa, u.a. aus Belarus oder der Ukraine, die über kulturell hybride, von mehreren Ethnien geprägte Regionen schreiben, ein Forum. Zu den Partnerinnen gehört die aus Schlesien stammende Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Auch sie setzt sich für ein multiperspektivisches, das deutsche und polnische Kulturerbe ihrer Heimat berücksichtigendes Geschichtsverständnis ein. Diese Beispiele verdeutlichen, wie das BKGE durch internationalen Austausch zu einem gemeinsamen europäischen Geschichtsverständnis beiträgt.

Dies geschieht mit selbstkritischem Blick, im Wissen um die von Deutschen zu verantwortende Shoah, um den systematischen NS-Vernichtungskrieg im östlichen Europa ebenso wie um bis heute offen oder subtil vorhandene antislawische Einstellungen. Der Dialog darf nicht mit Besserwisserei oder Belehrungen einhergehen, die unsere Nachbarn weder wünschen noch benötigen, sondern muss auf Augenhöhe und durch das kritische Hinterfragen von vermeintlichen Gewissheiten auf allen Seiten erfolgen. In diesem Sinne steht das BKGE für eine von Toleranz und Offenheit geprägte Erinnerungskultur.

Autor dieses Beitrages ist Prof. Dr. Matthias Weber. Er ist Historiker und seit 2004 Direktor des BKGE. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Neuere Geschichte und Geschichte Ostmitteleuropas.