Oldenburg/Bilbao - Geduld ist Volker Kuhnerts Stärke. In fitzeliger Kleinarbeit „perforiert“ er seine Bildmotive und setzt feinste Strukturen aneinander, bis sich aus dem scheinbaren Farb-Gewusel ein Gesicht herausschält.
Geduld benötigt der Oldenburger Künstler aber auch für sein aktuelles Projekt: Er plant nichts weniger, als das berühmte Guggenheim Bilbao Museum von sich und seiner Arbeit zu überzeugen. Das Ziel: Dem spanischen Museum, dessen aufsehenderregende Architektur von Frank O’Gehry er zum Anlass eines Gemäldes genommen hat, selbiges als Dauerleihgabe schmackhaft zu machen. Wohlgemerkt: Der Name Volker Kuhnert ist im Guggenheim gänzlich unbekannt, und auch von „Perforation Art“ dürfte dort noch niemand etwas gehört haben.
Perforismus
Der 72-Jährige, der das Loch zum künstlerischen Mittel erkoren hat, dem die „Washington Post“ 1986 eine Viertel Seite widmete und die seiner eigenwilligen Technik den Namen „Perforation Art“ verpasste, lässt sich von derlei Bedenken jedoch nicht beirren. Um seine Ausstellung „Hommage à Christo“ im Jahr 2004 im Berliner Reichstagspräsidentenpalais durchzusetzen, habe er auch mehr als drei Jahre benötigt, erzählt er ungerührt und führt ein Zitat von Goethe an: „In der Idee leben heißt, das Unmögliche behandeln, als wenn es möglich wäre.“
Den Brief ans Museum (inklusive Foto vom Kunstwerk) hat er schon verfasst und ins Spanische übersetzen lassen. Im zweiten Schritt folgt ein großer Fine-Art-Print (Pigmentfarben auf Leinwand) von der „Hommage à Bilbao“. Sollte seine Version vom Architektur-Kunstwerk auf Interesse stoßen, bietet Kuhnert das Original als Dauerleihgabe an.
Seit seinem Ausflug nach Washington hängen dort zwei Bilder des Perforationskünstlers in der Deutschen Botschaft. In den 70er Jahren wurde in seinem Atelier die legendäre Künstlergruppe Kranich gegründet, Schrott-Teile werden von ihm zu kunstvollen Lichtobjekten umgebaut. Und immer wieder löchert er – mal als luftige, den Bildhintergrund aufbrechendes Beiwerk seiner Malerei – dabei arbeitet er wie in der „Hommage à Bilbao“ gern mit gelöcherten Folien –, mal als vorherrschendes Stilmittel.
Vor einigen Jahren hat Kuhnert seine Perforation Art zum Perforismus weiterentwickelt, bei dem Porträts mit Lochstrukturen überzogen werden. Die Bezeichnung hat er bewusst gewählt – in Anlehnung an den Impressionismus und Pointillismus –, aber nicht ohne Ironie. Denn anders als die Maler des 19. Jahrhunderts habe er nicht versucht, mit kleinen Pinselstrichen einen optischen Eindruck wiederzugeben, erläutert er. Vielmehr nehme er ein fertiges Foto als Ausgangspunkt, um das abgebildete Gesicht mit den winzigen Strukturen des Perforismus – sie entstehen im Wechsel zwischen malerischen Eingriffen und einer Bearbeitung am Computer – zu „beseelen“.
Lächelnder Graf
Jüngstes Beispiel dafür ist ein Porträt von Graf Anton Günther (1583–1667). Winzige abstrakte Strukturen verdichten sich zu einem pelzartigen Kragen, zu Nase und Augen, Schnurrbart und Mund. Letzterer verzieht sich zu einem zarten, verschmitzten Lächeln. Für Kuhnert ein Hinweis auf des Grafen Bauernschläue, mit der er Oldenburg geschickt vor dem Dreißigjährigen Krieg bewahrt habe.
Eine neue Ausstellung mit eigenen Arbeiten plant Kuhnert in seiner Galerie (29. Juni bis 17. August). Es wird die 54. Schau im Art Forum sein – nur mit Gemaltem und Perforiertem aus eigener Hand.
