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NWZonline.de Nachrichten Kultur

THEATER: Den Staub vom Stück gebürstet

10.09.2007

WILHELMSHAVEN „Der Mond ist aufgegangen“ spielt Wilhelm Tell (Daniel Scholz) zu Beginn leise auf der Ziehharmonika. Es ist ein kluges Bild, das Regisseur Christian Hockenbrink als Einstieg gewählt hat, denn der Text des Liedes klingt ungesungen mit und gibt so etwas wie das Thema des Mannes vor, der ungewollt zum Nationalhelden werden soll: „Wir stolze Menschenkinder / sind eitel arme Sünder / und wissen gar nicht viel.“

Tell will vor allem eines – im Frieden mit sich und im Einklang mit der Natur sein Familienglück leben. Allein, man lässt ihn nicht. Denn die freien Schweizer ächzen unter dem Joch des Kaisers, vertreten durch Reichsvogt Gessler, den Björn Klein als Sadisten im albernen Pullunder gibt. Es rumort unter den Eidgenossen und Tell wird hineingezogen in die Ereignisse. Was dann folgt: Rütli-Schwur, Apfelschuss und Tyrannenmord, ist sattsam bekannt, der Text fast vollständig Zitat geworden.

Mit kräftigen Strichen aber hat Hockenbrink den Staub vom Stück gebürstet und nähert sich ihm auf die vielleicht einzig mögliche Weise: mit Humor und leiser Ironie – doch ohne die Figuren zu verlachen. Der spielerische Umgang mit zum Klischee geronnener Heimatliebe bietet dabei die Chance für eine lebendige Inszenierung.

Die Apfelschussszene kommt ganz ohne Apfel, Armbrust und Knaben aus, Regen strömt aus der Gießkanne, das Echo wird selbst gemacht – da glaubt jemand an die Kraft des Theaters und der Imagination. Bühnenbildner Frank Albert hat dem Ensemble dafür eine Art Ladenlokal gebaut, das staubverschmiert von seiner Neueröffnung träumt. Gespielt wird vor schmutzigen Fensterscheiben, an denen alte Zeitungen kleben und wir erkennen: hier muss dringend renoviert werden.

Vor allem zwei Frauen treiben dabei die Handlung voran, Gertrud (Katrin Hilti) und Berta (Bina Blumencron) müssen ihre zaudernden Männer zum Jagen erst tragen. Bevor sie endlich zum Schwur kommen wird reichlich getratscht. Ohne bemühte Aktualisierungen, vielmehr mit aufmerksamer Arbeit am Text, gelingt es diesen Szenen, in denen mit der Entscheidung zwischen Wort und Tat gerungen wird, zu transportieren, warum die Landesbühne unter dem Oberthema „Theater um Demokratie“ ausgerechnet mit „Wilhelm Tell“ eröffnet.

In der berühmten Schlussreflexion lässt Schiller seinen Helden den Tyrannenmord als Notwendigkeit auf dem Weg zur Freiheit rechtfertigen. Hockenbrink macht es seinen Figuren schwerer: Nachdem Tell für sie den Vogt beseitigt hat, legen die tapferen Schweizer los mit der Renovierung. Da wird kräftig der Besen durch den Staub geschwungen – doch immer wieder stoßen sie gegen Gesslers Leiche, räumen sie von einer Ecke in die andere. Der Mord ist nun Teil des kollektiven Gedächtnisses, sie kommen nicht daran vorbei.

Karten: 04421/94 01 15

Der Mord bleibt Erbe des kollektiven

Gedächtnisses

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