Oldenburg - „Aber bitte mit Sahne“ – Diesen Satz notierten die Bedienungen im traditionsreichen Café Raster am Friedensplatz auch so manches Mal während der vergangenen 139 Jahre. Generationen von Gymnasiasten kauften sich hier etwas Süßes, Kaffeekränzchen saßen bei Torte und Pärchen trafen sich zum Kakao-Trinken und Händchenhalten. Doch am 30. Juni sperrt Bäckermeisterin und Konditorin Ingrid Köhler (48) die Tür ein letztes Mal ab und gibt den Schlüssel weiter. Um wieder mehr Zeit für die Familie – vor allem für ihre beiden Töchter zu haben, hat sie das Haus an Musswessels verkauft. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, erzählt sie und blickt zurück auf die Wurzeln ihrer Familie in diesem Handwerk.
1876 eröffnet
1876 hatte Anton Berger, ihr Urgroßonkel, am Friedensplatz eine Bäckerei eröffnet, die auf alten Postkarten noch zu sehen ist. Nach dessen Tod übernahm sein Bruder August Raster den Betrieb und gab ihn an Sohn Arthur weiter. Gemeinsam mit Ehefrau Erna Raster erweiterte er den Betrieb. Im Wohnzimmer der Familie wurde ein kleines Café eingerichtet.
Und hatten Gertrud und ihre Schwester einst noch in diesem Wohnzimmer mit Puppen gespielt, so wurde Gertrud später Oldenburgs erste Konditormeisterin. Vor den strengen Augen der Herren der Handwerkskammer legte die Frau 1961 ihre Meisterprüfung ab – mit sehr gut, versteht sich.
Gertrud Raster schaute sich in den großen Cafés Deutschlands um: arbeitete im Kranzler (seinerzeit noch in Frankfurt), im Rottenhöfer (München) und im Cron&Lanz (Göttingen). Von überall her brachte sie Rezepte mit nach Oldenburg. 1964 heiratete sie Fritz Köhler, auch er kannte sich mit Torten, Kuchen und anderen süßen Sachen gut aus, gehörte doch seinen Eltern das gleichnamige Café in Wilhelmshaven. Gemeinsam pachteten sie 1966 das Innenstadt-Café Berger, später noch von ihren Eltern auch das Café Raster, das sie in den 70er Jahren von Grund auf renovierten. Der Wirbelwind in beiden Häusern war Gertrud Köhler. Sie hatte ein Auge auf die Mitarbeiter und immer ein persönliches Wort für die Kunden. Ganz im Stil der damaligen Zeit entwarf sie eine besonders süße Verführung: die grüne Mitternachtstorte mit Sahne und Curaçao. Von der Mutter hat Tochter Ingrid Köhler das Temperament geerbt. „Aber auch die Liebe zur Bäckerei und zur Konditorei“, erzählt sie. Allerdings machte sie zunächst den kleinen Umweg über ein Psychologie-Studium. Jedoch nur, um sich dann mit viel Kraft und Kreativität in die Bäckerei und Konditorei zu stürzen.
Pralinen für Frauen
Als sie das Geschäft am 15. Juni 2009 übernahm, ließ sie es noch einmal renovieren, drückte dem Café Raster auch eine persönliche Note auf – bisweilen mit Aktionen, die weit über Oldenburg hinaus für Aufsehen sorgten: So gab sie etwa der klassischen Hindenburg-Biskuit-Kuppeltorte mit Krokant-Sahnefüllung 2010 einen neuen Namen: Herbarttorte sollte sie künftig heißen, nach dem Pädagogen.
Zum 135-jährigen Firmenbestehen 2012 setzte Ingrid Köhler den Oldenburger Großherzoginnen Elisabeth Anna von Preußen, Cäcilie von Schweden sowie der Frauenrechtlerin Helene Lange mit handgeschöpften Pralinen ein „süßes Denkmal“. Doch auch Vollkornprodukte aus frisch gemahlenem Biogetreide waren ihr wichtig. Nun wird sie viele Kunden zum letzten Mal begrüßen.
