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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Der Mann, der Ray Charles zu Tränen rührte

17.03.2016

Paris Er soll der einzige Musiker gewesen sein, der Ray Charles zum Weinen brachte. Und die „New York Times“ bezeichnete ihn als den wohl „zu Unrecht am meisten ignorierten US-Sänger des 20. Jahrhunderts“. Der 2014 gestorbene Jazzmusiker Jimmy Scott, dessen Leben von Krankheiten und Schicksalsschlägen geprägt war, beeindruckte mit seiner ungewöhnlich hohen Stimme ganz unterschiedliche Stars wie Marvin Gaye, Madonna oder Guns N“ Roses-Sänger Axl Rose. Doch Scott selbst blieb Zeit seines Lebens weitgehend unbekannt.

Jetzt hat der Düsseldorfer Musikproduzent Ralf Kemper dem Ausnahmetalent ein spätes Denkmal gesetzt - mit einem Dokumentarfilm über sein eigenes ehrgeiziges Lebensprojekt, ein letztes Album mit Scott aufzunehmen. „I Go Back Home“, der auch von dem ungewöhnlichen Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Männer erzählt, feierte auf dem South by Southwest Festival im texanischen Austin gerade seine Premiere.

„Ich war seit meinen Teenagertagen ein großer Fan von Scott, ich hatte all seine Alben“, sagte Kemper. Der Düsseldorfer, der viele Jahre Werbejingles produzierte, geriet nach dem Tod seiner Frau in eine Sinnkrise und bekam die Idee, mit seinem Idol Scott ein Album und einen dazugehörigen Making-of-Film zu produzieren. Gemeinsam mit dem jungen Regisseur Yoon-ha Chang reist er nach Las Vegas, wo sie auf den 85-jährigen Scott treffen, einen schwachen Mann im Rollstuhl. Nach mehreren Enttäuschungen und Rückschlägen kommt es tatsächlich zu dem ungewöhnlichen Musikprojekt, in das Kemper all seine Energie nahezu sein gesamtes Geld steckt.

Mit an Bord sind viele Freunde und Weggefährten Scotts, etwa der Produzent und 27-fache Grammy-Preisträger Quincy Jones, Musiker wie Arturo Sandoval, James Moody, Monica Mancini oder auch Schauspieler und Oscar-Preisträger Joe Pesci („Good Fellas“), der bislang kaum für seine Gesangsqualitäten bekannt war. „Natürlich war das alles sehr anstrengend für Jimmy“, erinnert sich Kemper. „Aber er ist auch wieder aufgeblüht und hat Lebensenergie gewonnen.“

Aber wer ist eigentlich Jimmy Scott? Geboren 1925 in Ohio muss er bereits als Kind mit schweren Schicksalsschlägen kämpfen. Seine Mutter verliert er früh bei einem Autounfall. Fast zeitgleich erkrankt der Junge an dem Kallmann-Syndrom, bei dem die Pubertät - und damit auch der Stimmbruch ausbleibt - und das auch der Grund für seine außergewöhnliche Stimme ist.

Später kommt es zu Plattenaufnahmen mit großen Jazzbands, doch sein Name bleibt meist anonym. In den 1960er Jahren nimmt er auf dem Label von Ray Charles einige Platten auf. Danach wird es still um Scott, der unter anderem als Liftboy im Hotel und im Krankenhaus arbeitet.

In den 1990er Jahren gelingt ein kleines Comeback. Sänger Lou Reed ist tief gerührt, als er diesen auf einer Beerdigung singen hört und engagiert ihn als Backroundsänger. Auch für die Kultserie Twin Peaks von David Lynch macht er mehrere Aufnahmen.

Mehr als 750 Stunden Material wertete Regisseur Chang für „I Go Back Home“ aus und aus dem Making-Of-Plänen wurde schließlich ein eigener Dokumentarfilm. Das Album erscheint im Juni, wann der Film in Deutschland gezeigt wird, ist allerdings noch unkar. „Wir suchen noch einen Verleih“, sagt Chang.

Insgesamt kommt die Dokumentation sehr empfindsam und langsam daher. Besonders rührend ist eine Szene, in der Kemper und Scott in einem angesagten Plattenladen in Hollywood nach alten Alben suchen und der Jazzsänger von eingefleischten Musikfans erkannt wird. „Du hast mein Leben bereichert“, sagt ein Besucher überwältigt. Dem Verkäufer stehen sogar Tränen in den Augen: „Hier gehen Stars ein und aus, aber das ist das erste Mal, dass ich Weinen muss.“

Letztendlich zeigt „I Go Back Home“ nicht nur einen außergewöhnlichen Musiker und besonderen Menschen. Der Film ist auch ein Appell für Lebensmut und gegen das Hadern mit dem Schicksal. Oder wie es Jimmy Scott in der Schlussszene so schön sagt: „Man darf nicht aufhören, zu träumen und zu hoffen.“

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