Aurich - Das Meer und die Gezeiten kennen keine Grenzen. Also streben auch die Gezeitenkonzerte der Ostfriesischen Landschaft über Grenzen. Musikalisch, gesellschaftlich, sprachlich. Hochdeutsch, Englisch, Niederländisch und Plattdeutsch sind die Sprachen des Programmhefts. „Matthias Kirschnereit hett bi de Tidenkonzerten de künstleriske Hood up“, beschreibt es den Künstlerischen Leiter. Jo, Herr Professor, proot ji denn selbst ok Platt?
„En beten“, sagt Kirschnereit (51). Afrikaans habe übrigens allerhand Ähnlichkeit. Das könne er besser. Kein Wunder: Vom neunten bis zum 14. Lebensjahr hat er mit seinen Eltern in Windhuk in Namibia gelebt. Der Vater war dort Bischof der deutschen evangelisch-lutherischen Kirche. Geografische Randlagen sind die Kirschnereits also gewohnt.
„Herrliche Kür“
Vielleicht haben solche Erfahrungen dazu beigetragen, dass der in Hamburg lebende und in Rostock lehrende Pianist auch Ostfriesland ohne Zaudern als einen seiner künstlerischen Mittelpunkte anerkannt hat. Im zweiten Jahr der Gezeitenkonzerte, die am Freitag, 21. Juni, in Aurich beginnen, trägt vieles im Programm seine Handschrift.
Natürlich fußen Gastspiele wie die von Pianist Lars Vogt am 27. Juni in Remels (mit Rachel Roberts), Komponist und Klarinettist Jörg Widmann am 13. Juli in Emden, Klarinettistin Sharon Kam am 6. August in Arle oder Geiger Christian Tetzlaff am 9. August in Sengwarden auf persönlicher Freundschaft. Kirschnereit bringt sich als Begleiter und Solist ein. Diebisch freut er sich auf seinen Soloabend am 11. Juli in Holtgaste. „Das wird ein richtiges Kraut-und-Rüben-Programm“, sagt er keinesfalls abwertend. „Mozart, Schubert, Lachenmann, Debussy, Chopin, Schumann, Rachmaninoff und Ginastera an einem Abend – welch eine herrliche Kür!“
Das Programm sagt viel über die Experimentierfreude im Gezeiten-Team, trotz der Einschränkungen, die Räume und Rahmen fordern. Vorhaltungen aus Richtung des „Musiksommers“, dass die Ostfriesische Landschaft auch ihre alten Ideen mit nutze, kontert Kirschnereit: „Es haben sich zwei Partner getrennt – und jedem steht ein Teil des einst gemeinsam Aufgebauten zu.“
Eine solch ungewöhnliche Zusammenstellung erklärt auch treffend den Charakter der Gezeiten-Reihe. „Es ist kein Kopf-Festival, und es ist kein Schlager-Festival“, erläutert der Künstlerische Leiter. „Es ist eben eine Mischung aus anspruchsvoller Musik, die Lust auf Entdeckungen macht.“
Nicht festgelegt
Auch über den Pianisten Kirschnereit verrät die Weite zwischen Mozart und Lachenmann einiges. „Ich bin von der Kritik noch nicht endgültig festgelegt worden“, urteilt er selbst. „Aber die deutsche Literatur liegt mir, bei aller weiteren Neugier, stark am Herzen.“ Wer immer Neues entdeckt wie Kirschnereit, den engt das nicht ein.
Felix Mendelssohn nennt er stellvertretend: „Wie sensibel und verletzbar diese Musik ist, wird erst allmählich deutlich.“ Als eigenes Projekt spielt Kirschnereit alle „Lieder ohne Worte“ ein. Sechsmal erscheint Mendelssohn darüber hinaus in den Gezeitenkonzerten.
Man „sull sük disse Gelegenheid neet entgahn laten !“
