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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Der Terrorist als Mensch mit Seele

27.02.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-02-28T07:51:09Z 280 158

„die Gerechten“ Im Staatstheater Oldenburg:
Der Terrorist als Mensch mit Seele

Oldenburg Nein, dass diese Inszenierung abgesetzt wird, steht nicht zu befürchten. Hier wird niemand provoziert, hier wird nicht (ebenso wenig wie bei der Produktion von 1977) der Terror verherrlicht, sondern ein Stück inszeniert, das unerwartet spannend auf die Bühne des Kleinen Hauses kommt. Vor allem dank des großartigen Ensembles, das bis in die kleinste Rolle überzeugt.

1977 abgesetzt

Vor 40 Jahren waren „Die Gerechten“ von Albert Camus in Oldenburg ein Aufreger. Die Inszenierung des damaligen Oberspielleiters Gerhard Jelen – mit einer vorgeschalteten Improvisation der Schauspieler und umstrittenen politischen Texten – wurde nach Protesten vorübergehend abgesetzt. Hintergrund: Einen Tag nach der Premiere war der damalige Arbeitgeberpräsident Schleyer von der RAF entführt und ermordet worden.

Das war der Deutsche Herbst. Das ist Geschichte. Der heutige Oberspielleiter Peter Hailer verzichtet auf jedwede Aktualisierung und Ideologisierung. In seiner zügigen Inszenierung kommt Camus’ Text nicht als dialoglastiges Ideendrama daher. Er betont die überzeitlichen Themen von Gerechtigkeit und Moral, von Idealismus und Gewalt. Es geht um Hass, aber auch um Liebe und Zweifel. Der Regisseur macht aus den Attentätern beileibe keine Sympathieträger, aber er zeigt sie als Menschen mit Seele und individuellem Schicksal.

Hailer belässt das Stück weitgehend an Ort und Zeit: Russland im Jahr 1905, eine Gruppe von fünf Revolutionären plant ein Attentat auf den Grußfürsten Sergej. Für das Leben im Untergrund hat Martin Fischer ein starkes Bild gefunden: einen düsteren, durchlöcherten Bunker, der sich mit seinen Verstrebungen krakengleich über die gesamte Bühne ausbreitet, einerseits Versteck, andererseits Zelle. Dazu kaltes Licht, die tickende Bombe und ihre gewaltige Detonation. Dass sie zuvor in einer Plastiktüte herumgetragen wird, irritiert allerdings.

Keine Antworten

Vor diesem Hintergrund agieren die fünf jungen Revolutionäre, deren Überzeugungen durchaus unterschiedlich ausfallen. Nur ein Satz eint sie wie ein gemeinsames Mantra: „Unser Land wird schön“. Da ist Stepan/Swetlana, zornig und ohne Skrupel bereit, für die „gerechte Sache“ auch Kinder zu töten. Magdalena Höfner spielt das Folteropfer mit einer kalten Wut, die frösteln lässt. Daneben Johannes Lange als Kaljajew, ein schöngeistiger Idealist, der zögert und die Bombe erst beim zweiten Versuch zündet. Ihm bleibt noch Zeit für die Liebe, die von Dora (besonders stark in den monologischen Szenen: Agnes Kammerer) erwidert wird.

Yassin Trabelsi spielt den intellektuellen Anführer Boris, Nils Andre Brünnig den Aussteiger Alexej. Außerhalb dieser geschlossenen Terror-Welt stehen der Polizeivorsteher Skuratow (kühl taktierend: Matthias Kleinert), die Großfürstin (stolz leidend: Lisa Jopt) und ein zwielichtiger Mithäftling, der seine Strafe verkürzt, indem er zum Henker wird (Pirmin Sedlmeir).

Gibt es eine gerechte Sache, für die es sich lohnt zu töten? Was ist vorzuziehen: eine lebende Ungerechtigkeit oder eine tote Gerechtigkeit? Eindeutige Antworten erhalten die kräftig applaudierenden Zuschauer nach rund 80 Minuten Spieldauer nicht. Theater muss womöglich nicht immer aufregen, aber schon zum Nachdenken animieren. Und wenn es nebenbei noch unterhält, ist es beinahe perfekt.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 

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