Budapest - Der deutsche Schauspieler Martin Reinke hat bei einem Theaterfestival in Budapest einen Eklat ausgelöst. Er verlas am Ende einer Vorstellung des Wiener Burgtheaters im ungarischen Nationaltheater eine Kritik an der rechtsnationalen ungarischen Regierung. Am Montag verlangte der regierungstreue Direktor des Nationaltheaters, Attila Vidnyánszky, für diesen Vorgang eine Erklärung von der Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann. Allerdings hatte Vidnyánszky noch während Reinekes politischem Auftritt eine Gegenaktion gestartet.

Das Burgtheater erklärte ungarischen Medien, die Schauspieler hätten sich für diese Form des Statements entschieden, weil eine geplante Diskussion mit dem Publikum nach der Vorstellung ausfiel. Grund dafür war, dass die Burg-Direktorin Bergmann und der Regisseur Jan Bosse kurzfristig ihre Teilnahme daran abgesagt hatten. Mitinitiatioren von Reinkes Aktion seien die Schauspielerin Mavie Hörbiger und ihr Kollege Ignaz Kirchner gewesen, hieß es in der online-Ausgabe der Tageszeitung „Nepszabadsag“.

Das Burgtheater ist ebenso wie das Hamburger Thalia-Theater und andere Bühnen Europas bei dem Festival MITEM zu Gast, das von Ungarns Nationaltheater organisiert wird. Zum Programm gehörte die Burgtheater-Aufführung von Anton Tschechows „Möwe“ mit Reinke in der Rolle des Jewgeni Sergejewitsch Dorn. Am Ende der Vorstellung am Sonntagabend äußerte Reinke Sorgen über die „schwere Situation“ des ungarischen Volkes und der Kultur und beklagte, dass sich das Land unter Ministerpräsident Viktor Orban „immer mehr vom Geist der Demokratie und von Europa entfernt“.

Für Vidnyánszky war Reinkes politischer Auftritt aber keine Überraschung gewesen, denn er hatte eine simultane Gegenaktion vorbereitet, berichteten ungarische Medien. Während Reinke seinen Protest-Text in deutscher und englischer Sprache verlas, gab es auf dem Bildschirm, der vorher den ungarischen Tschechow-Text zeigte, die Namen von 13 antihabsburgischen ungarischen Generälen zu lesen. Diese Militärs waren im Jahr 1849 im damals ungarischen, heute westrumänischen Arad als Landesverräter hingerichtet worden. Die Episode gilt in Ungarn als Symbol für die österreichische Unterdrückung der Ungarn.

Vidnyánszky ist ein offener Anhänger von Orbans Politik, deren Propaganda sich auch auf Gleichsetzung der EU mit früheren Hegemonen wie etwa den Habsburgern stützt. Vidnyánszky brachte dies 2013 auch in einer Inszenierung von Paul Claudels „Johanna auf dem Scheiterhaufen“ zum Ausdruck. Darin gab es Anspielungen, mit denen Kritik der EU an Orbans Politik lächerlich gemacht wurde. Vidnyánszky übernahm das Budapester Nationaltheater im Sommer 2013 auf Druck der Regierung. Er löste Robert Alföldi ab, der wegen seiner liberalen Anschauungen und wegen seiner Homosexualität der Regierung ein Dorn im Auge war.