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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Von Flegeln und Liebe: Willemsen in Oldenburg

21.05.2014
Frage: Was war die klügste Antwort, die Ihnen ein Interviewpartner gegeben hat?
Willemsen: Es gab viele intelligente Antworten. Ich habe meinen Gästen oft die Frage gestellt, welches Gefühl stärker sei – Liebe oder Liebeskummer. Lenny Kravitz hat als Einziger gesagt: Liebeskummer.
Frage: Und die dümmste?
Willemsen: Auch davon gab es viele. Alles, was stereotyp und klischeehaft ist, schläfert ein und langweilt.
Frage: Was tun Sie dagegen?
Willemsen: Ich frage spezifischer nach, präzisiere, lasse die Menschen ihre Situation reflektieren. Ich frage nicht: Wie war das für Ihre Familie, als Sie die Diagnose HIV bekommen haben – ich frage: Haben Sie Ihre Kinder ins Nebenzimmer gerufen und ihnen erklärt, was diese Krankheit bedeutet?

Informationen

Roger Willemsen veröffentlichte sein erstes Buch 1984. Der heute 58-Jährige arbeitete als Dozent, Übersetzer und Korrespondent in London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Unter anderem führte er Gespräche mit Audrey Hepburn, einem Kannibalen und Jassir Arafat.

„Das Hohe Haus“ ist der Titel seines aktuellen Buches (S. Fischer, Frankfurt am Main, 400 Seiten, 19,99 Euro).

In Oldenburg ist Roger Willemsen am 23. Mai um 20 Uhr in der Kulturetage (Bahnhofstraße 11) zu Gast. Karten gibt es unter Telefon   0441/92 4800

Frage: Wem in Ihrem Leben wären Sie lieber nicht begegnet?
Willemsen: Einer ganzen Reihe von Leuten. Einige waren mir politisch unangenehm, andere waren einfach als Person unangenehm. Madonna zum Beispiel.
Frage: Warum?
Willemsen: Weil sie sehr viel weniger intelligent und wendig ist, als ich erwartet habe. Ich habe sie mehr als kalt empfunden – nur an PR interessiert.
Frage: Nach Ihren Erfahrungen im Parlament erzählen Sie von Respektlosigkeit und Unaufmerksamkeit – tun Ihnen die Abgeordneten leid?
Willemsen: Es gab solche, die sich notorisch flegelhaft verhalten und andere absichtlich gestört haben. Wenn mit denen ebenso umgegangen wurde, hatte ich kein Mitleid. Aber es gibt auch sehr leidenschaftliche Vertreter – wenn die gestört oder beleidigt wurden, habe ich es als eine Kränkung der parlamentarischen Grundidee empfunden.
Frage: Sind Ihre Hoffnungen in die Politik gestorben?
Willemsen: Sagen wir mal, ich bin desillusionierter geworden. Große Hoffnungen allerdings habe ich nicht begraben müssen – dafür wusste ich vorher schon zu viel über das Parlament. Im Übrigen gab es auch einiges, was mich positiv überrascht hat – engagierte Mitglieder, die Einsatz gezeigt haben. Manche sind bei leidenschaftlichen Reden in Tränen ausgebrochen. In einer Debatte ging es um Menschenhandel im tschechischen Raum – die Rednerin ist dort zuvor in Bordellen unterwegs gewesen, um zu recherchieren. So etwas finde ich höchst respektabel.
Frage: Was hat Sie in Ihrem Leben am meisten enttäuscht?
Willemsen: Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich alles rechnen muss. Sogar in der Liebe herrschen Tauschverhältnisse – gibst du mir, geb’ ich dir. Alles ist zweckgebunden.
Frage: Das haben Sie schon erlebt?
Willemsen: Klar.
Frage: Besteht dennoch Hoffnung?
Willemsen: Gott ja. Ich bin noch nicht illusionslos. Dann würde ich jetzt sofort von diesem Stuhl fallen und sterben wollen. Ich glaube weiter an die Daseinsbejahung – und auch an die Liebe.
Frage: Ist der Beobachter die Rolle Ihres Lebens?
Willemsen: Vielleicht die stärkste. Ich liebe die Genauigkeit, die Präzision. Das Beschreiben und in Worte fassen ist für mich die glücklichste aller Existenzformen.
Frage: Notieren Sie immer alles, was passiert?
Willemsen: Tatsächlich bin ich auf den meisten Fotos, die mich zeigen, in meine kleine Kladde schreibend abgebildet. Oft ist das auch so. Nur hin und wieder – in Afghanistan oder an den Enden dieser Welt – muss ich meine Umgebung erst mal betrachten, das Geschehen auf mich wirken lassen oder bin mittendrin. Dann kommt das Schreiben nach dem Beobachten. Das dann aber unmittelbar. Vieles bleibt zwar im Kopf, aber Spezifisches verschwindet schnell, wenn ich es nicht notiere.
Frage: Was brauchen Sie zum Schreiben? Kaffee?
Willemsen: Ingwerwasser. In großen Mengen. Ich reise sogar mit meinen Ingwerknollen.
Frage: Was kommt noch ins Reisegepäck?
Willemsen: Fotos von nahen Menschen. Und mein Stift. Immer derselbe.
Frage: Wie viel Heimat brauchen Sie?
Willemsen: Ich brauche die Heimat der Sprache. Darum konnte ich auch nicht länger in London leben. Obwohl ich gut Englisch spreche, ist Deutsch meine Sprache – mein Medium.
Frage: Und wo ist das greifbare Zuhause?
Willemsen: Inzwischen in Hamburg – wo meine Freunde leben, meine kleine Solidargemeinschaft.
Frage: Angenommen, Sie landen auf dem Mars und treffen auf Außerirdische: Wie beschreiben Sie unsere Welt?
Willemsen: Ich würde erzählen, wie widersprüchlich wir sind. Dass wir Leben erschaffen und zerstören, dass wir bei drei Akkorden Musik in Verzückung ausbrechen und gleichzeitig schaulustige Gaffer sind, die sich an Unfällen ergötzen, oder wie ungerecht wir unsere Güter verteilen. Aber vielleicht würde ich auch damit anfangen, zu erzählen, welch’ ungemein kostbarer und schützenswerter Planet unsere Erde ist.
Frage: Morgen wachen Sie auf und sind Frau Merkel. Was tun Sie?
Willemsen: Gott sei bei uns! Beten – auf Knien –, dass diese Verwandlung rückgängig gemacht wird.
Lea Bernsmann
Redakteurin
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2106

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