Wie oft beobachte ich eine krasse Abfolge von überschwänglicher Zustimmung und emotionaler Ablehnung. Erst wird ein Hoffnungsträger hoch gelobt; viele erwarten Großes. Bald darauf wird er fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Hoffnungsträger werden schnell verbraucht.
Jesus muss das erleben. Er kommt mit seinen Freunden zum ersten Mal aus seiner Heimat Galiläa nach Jerusalem, um dort mit seinen Freunden das Passafest zu feiern. Ein Ruf eilt ihm voraus, denn er hat viele geheilt; seine hilfreichen Hände haben ihn berühmt gemacht und viele schlagfertige Antworten im Streit mit Schriftgelehrten haben sich herumgesprochen. Als er auf einem Esel in die Hauptstadt reitet, begrüßen ihn die Menschen wie einen König und Retter mit grünen Palmwedeln und rufen: „Hosianna! Hilf doch!“
Nur fünf Tage später rufen dieselben Leute: „Kreuzige ihn!“ Was hat sich in dieser kurzen Zeit geändert? Jesus nicht.
Die Leute in Jerusalem haben unerfüllbare Erwartungen. Sie feiern Jesus wie einen messianischen König, einen politischen Hoffnungsträger, obwohl er auf dem geliehenen Esel nicht so wirkt. Er kommt ja auf dem Reittier der Armen. Selbst seine Vertrauten hegen hochfliegende Erwartungen. Doch dann treten die Gegner Jesu auf den Plan. Die Stimmung schlägt um. Wie enttäuschend, dass Jesus bald darauf von einem seiner Jünger verraten und von einem anderen verleugnet wird! Alle haben sich verdrückt, als Jesus nun auf der Anklagebank sitzt; niemand ist bei ihm geblieben. Enttäuschte Erwartungen schlagen häufig in das Gegenteil um. Das hat Jesus erlebt, als er hörte, wie enttäuschte Jerusalemer dem Vertreter der römischen Besatzung zurufen: „Kreuzige ihn!“ Obwohl Pilatus von der Unschuld Jesu überzeugt ist, vollstreckt er das ungerechte Todesurteil.
Am Palmsonntag geht mir durch den Kopf, dass Hoffnungsträger nicht mit irrealen Erwartungen bepackt werden dürfen. Ich möchte meine Erwartungen selbstkritisch reflektieren, um human mit anderen umzugehen.
