Oldenburg - „Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt, ohne es zu wecken, verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit.“
Mit diesen Worten beginnt nicht nur eines der schönsten Erinnerungsbücher, die je in deutscher Sprache geschrieben wurden; mit dem Auszug aus Walter Benjamins Sammlung autobiografischer Skizzen, die 1950 posthum unter dem Titel „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ veröffentlicht wurden, begann Ende August 2020 auch die beliebte Kolumne „Ein Jahrhundert – 100 Bücher“ in dieser Zeitung. Dazu warfen Bernd Eilert und Klaus Modick einen intensiven Blick in die heimische Bibliothek und stellten zwei Jahre lang, jeweils samstags bis Ende Juli 2022, ihre Lieblingswerke vor.
Nun ist die vollständige Auswahl unter dem Titel „Nachlese. Hundert Bücher – Ein Jahrhundert“ im Onomato Verlag (218 Seiten/24 Euro) erschienen; ein sehr persönlicher Literatur-Kanon der beiden Schriftsteller, der nicht den Anspruch erhebt, die „großen“ oder „bedeutenden“, schon gar nicht die „besten“ Bücher des 20. Jahrhunderts aufzulisten. Eilert und Modick haben ihre eigene Sicht: „Ein Buch, das uns gefiel, als wir jung waren, und das uns noch im Alter am Herzen liegt – dass muss wohl ein gutes Buch sein.“
Jede Kolumne für sich oder das Kompendium in seiner Gesamtheit bietet eine subjektive Betrachtung, das Lesen vom Schreiben über das Schreiben ist eine intellektuelle Pflicht. „Das 20. Jahrhundert dürfte die letzte Ära gewesen sein, in der literarischen Texten noch die Funktion eines Leitmediums zugebilligt werden konnte“, heißt es bei Modick/Eilert, „eine Epoche, die mehr Bücher hervorgebracht hat als jede andere, darunter zahlreiche Werke von weltliterarischem Rang, deren Einfluss bis in die Gegenwart nachwirkt.“
Die Bandbreite reicht im Buch chronologisch von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ aus dem Jahr 1900, der mit seinem apokalyptischen Horrorszenario Autoren von Camus bis Naipaul oder Regisseur Francis Ford Coppola beeinflusste, über Musils „Törleß“ (1906), Prousts „Liebe von Swann“ (1913), Hesses „Steppenwolf“ (1927) bis Huxleys „Schöne neue Welt“ von 1932. Dessen dystopischer Roman nahm eine Gesellschaftsform vorweg, der die manipulativen Möglichkeiten des Menschen thematisiert und als Fortschrittskritik erkannt werden kann.
Joseph Roths „Radetzkymarsch“ aus den frühen Dreißigerjahren verbindet den Niedergang der Protagonisten mit der Weltgeschichte, ebenso Anna Seghers „Transit“ von 1944 oder Josef Škvoreckýs „Feiglinge“ (1958). Die Nachkriegszeit in Tragik und Schärfe, mit Ironie oder in Desillusion repräsentieren Salingers „Fänger im Roggen“ (1951), Sagans „Bonjour Tristesse“ (1954), aber auch Capotes „Frühstück bei Tiffany“ (1958), bis der Leser in T.C. Boyles Roman „Wilkommen in Wellville“ von 1993 am Ende des 20. Jahrhunderts angekommen ist – oder, wie man will, mit der Beschreibung der Lebensreformbewegung um 1900 mit all ihren skurrilen Erscheinungen wieder am Anfang.
Ein Buch ist ein Freund, 100 Bücher bilden einen großen Freundeskreis, der sich bei manchem im heimischen Regal breitmacht oder in der Bibliothek und der Buchhandlung auf Entdeckung wartet. Modick und Eilerts sprachgewandte und launige Einlassungen sind hier mehr als hilfreich. Oder um es mit dem dänischen Schriftsteller Herman Bang in „Sommerfreuden“ (1902) zu sagen: „Schreibe – schreibe – schreibe. Eines Tages wird man noch den Sargdeckel von innen beschriften müssen, um die Rechnung der eigenen Beerdigung bezahlen zu können.“
Das Buch
Bernd Eilert, Klaus Modick: Nachlese. Hundert Bücher - Ein Jahrhundert; mit Grafiken von Simone Frieling; Onomato Verlag, 2023; 218 Seiten, 24 Euro; mit Audio-Volltextlesung des Buchs (MP3-Hörbuch zum Download)
Die Lesung
Bernd Eilert und Klaus Modick lesen aus ihrem Buch „Nachlese“ am Montag, 8. April, um 20 Uhr im Theater Laboratorium in Oldenburg, Kleine Straße 8. Eintritt 18 Euro, der Kartenverkauf findet ausschließlich in der Oldenburger Buchhandlung Isensee, Haarenstraße 20, statt.
