Essen - Wenn es einen „Showdown“ vor Gericht gibt, dann ist dies einer. Am achten Verhandlungstag im Betrugsprozess gegen den prominenten Kunstberater Helge Achenbach tritt eine Witwe als Zeugin auf. Es ist die Frau des 2012 gestorbenen milliardenschweren Aldi-Erben Berthold Albrecht.

Babette Albrecht brachte die Ermittlungen gegen Deutschlands bekanntesten Kunstberater in Gang: Nach dem Tod ihres Mannes prüfte sie Achenbachs Dutzende Einkaufsrechnungen für millionenschwere Kunst und Oldtimer - und stieß auf Unregelmäßigkeiten. Die Strafanzeige der Familie Albrecht, die zu den reichsten und verschwiegensten Familien Deutschlands zählt, war der Anfang vom Ende der Erfolgsstory Achenbach. Er sitzt seit sieben Monaten in Untersuchungshaft, seine Firmen sind insolvent, seine Kunstsammlung wird demnächst versteigert.

Was mag dem Angeklagten durch den Kopf gehen, als Babette Albrecht den Verhandlungssaal 101 im Essener Landgericht betritt? „Guten Morgen“, sagt die 54-jährige mit unsicherem Lächeln in den Saal. Noch vor der Tür hatte die in Jeans und weiße Rüschenbluse gekleidete fünffache Mutter den Daumen hochgehoben - gemeinhin eine Siegesgeste. Die Staatsanwaltschaft wirft Achenbach vor, Albrecht um 23 Millionen Euro betrogen zu haben, indem er nicht abgesprochene Preisaufschläge vorgenommen habe.

Keines Blickes würdigen sich Achenbach und Albrecht zunächst. Der Kunstberater schaut angestrengt auf seine Unterlagen, seine Augenbrauen ziehen sich zusammen. In den Zuschauerreihen sitzt seine Ehefrau. Noch vor wenigen Jahren waren die Achenbachs und die Albrechts gute Freunde und per Du. Im Zeugenstand redet Babette Albrecht nur noch vom „Herrn Achenbach“. Seit dem Tod ihres Mannes habe sie die Achenbachs nicht mehr getroffen, sagt sie später.

In die Preisverhandlungen zwischen ihrem Mann und Achenbach war Babette Albrecht nach eigenen Angaben nicht eingebunden. Aber sie gibt einen tiefen Einblick, wie das Millionengeschäft zwischen dem Kunstberater und dem Milliardär ablief. Bei Achenbach sei ihr Mann „ganz aufgeschlossen“ gewesen. „Sonst war er ja eher zurückhaltend“. Eine „nette Freundschaft“ habe sich entwickelt. „Achenbach hat es ihm schmackhaft gemacht mit der Kunst“, sagt die merklich nervöse Witwe.

Fast im Monatstakt kaufte Albrecht Kunstwerke und später reihenweise Oldtimer. Achenbach brachte die Bilder persönlich im Hause Albrecht vorbei, zum Beispiel ein Bild der „London Tower Bridge“ von Oskar Kokoschka. Das habe ihr auch deshalb gefallen, weil ihre Kinder zu der Zeit in England gewesen seien. Später brachte Achenbach gleich drei Bilder von Ernst Ludwig Kirchner vorbei - Albrecht kaufte alle.

„Dann kam unser erster Richter“, erinnert sich Babette Albrecht. „Wenn wir schon Kunst kauften, wäre es schön, wenn auch ein Richter da wäre.“ Kurze Blicke fliegen zwischen Achenbach und Babette Albrecht hin und her. Einmal hilft der ehemalige Duzfreund von der Anklagebank aus ihr sogar auf die Sprünge, als sie sich an ein Bild nicht erinnern kann.

Manchmal kauften die Albrechts auch ein Bild direkt bei einem Galeristen, den sie schon lange kannten. So etwa das Kirchner-Bild „Die Tänzerin“, von dem Babette Albrecht besonders begeistert war. „Möchtest Du das Bild?“, habe ihr Mann sie gefragt. „Ich sagte Ja.“ Berthold Albrecht zahlte 7,5 Millionen Euro. Für das Bild „Tisch“ von Gerhard Richter, das die Albrechts ohne Vermittlung des Beraters direkt bei ihrem Galeristen-Freund kauften, habe Achenbach später mehr als eine Million Dollar Provision in Rechnung gestellt.

Bei den Oldtimer-Geschäften wird Babette Albrecht misstrauisch. Über Achenbach kaufte ihr Mann bis kurz vor seinem Tod binnen 15 Monaten gleich neun millionenteure Autos - Mercedes, Ferrari, Bugatti oder Bentley. „Sie waren wie Hyänen“, sagt Babette Albrecht über die Oldtimer-Händler. Doch Albrecht war seinem Berater Achenbach so dankbar, dass er ihm sogar ein altes Mercedes Cabrio für 150 000 Euro schenkte. „Billig war das nicht“, sagt Babette Albrecht. Das sei schon ein „sehr großzügiges Geschenk“ gewesen, weil Achenbach „ja auch sehr gut an uns verdient hat“.

„Herr Achenbach wusste, dass mein Mann sehr krank war“, sagt Babette Albrecht. Dennoch habe ihm Achenbach noch kurz vor dessen Tod zwei Ferrari-Rennwagen verkauft. Berthold Albrecht, der die Oldtimer immer selbst fahren wollte, habe mit seinen zwei Metern nicht einmal hineingepasst. „Ich habe Achenbach gesagt, dass man so etwas mit einem schwer kranken Menschen nicht macht“, sagt Babette Albrecht. „Das war ein Vertrauensbruch.“