Bremen - Ist das hier wirklich die Musikfest-Eröffnung? Die Musiker, die da die Bühne der Bremer Glocke betreten, sehen in ihrer Jugendlichkeit und Lockerheit eher nach nettem Studentenorchester aus denn nach internationalem Spitzenensemble.
Drei Zeitschienen
Doch derlei Zweifel wischen die Musiker von Le Cercle de l’Harmonie schon mit den ersten Takten von Beethovens Coriolan-Ouvertüre weg. Dann Mendelssohns „Italienische“ Symphonie Nr. 4, welche die Franzosen und ihr Dirigent Jérémie Rhorer im Laufe des Abends tatsächlich in zwei Fassungen (1833 und 1834) erklingen lassen. Ganz ohne Vibrato, mit langen, teils ungewohnten Strichen, wirkt die Musik runderneuert und bei allen knackigen Kontrasten feinsinnig, im langsamen Satz gar zerbrechlich.
Das ist grandios – und dennoch nur eine Episode. Bei der „Großen Nachtmusik“, mit der das Musikfest Bremen traditionell beginnt, gibt es die große Vielfalt: In drei Zeitschienen und an gleich acht Spielstätten rund um Dom, Glocke und Rathaus entfaltet sich ein buntes musikalisches Treiben mit zahlreichen Stars der Musikszene. Da ist etwa die amerikanische Spitzensopranistin Kate Lindsey mit Mozart zu hören, zum Spiel des Delian Quartetts liest Schauspieler Bruno Ganz. Die belgischen Vokalisten von Vox Luminis widmen sich englischer Renaissance-Musik, während sowohl der Pianist Vijay Iyer als auch die Amazing Key Stone Big Band jazzige Gegenakzente setzen.
Ganz klassisch geht es in der Oberen Rathaushalle zu. Die Amsterdam Sinfonietta demonstriert da eindrucksvoll, wie ein modernes Streicherensemble klingen kann: Präsent und vielseitig, sehr dynamisch und rhythmisch auf den Punkt servieren sie eine Bearbeitung von Beethovens Quartett op. 95. Dann kommt die wunderbare niederländische Geigerin Janine Jansen hinzu, spielt ein wenig aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ – vielfarbig, unfassbar beweglich, mit agogischer Eleganz und einem silbrig glänzenden Traum-Ton.
Keine Frage, bei der „Großen Nachtmusik“ bekommt man die Ohren voll mit Musik. Da sind die Pausen zwischen den Konzerten willkommen. Bremens Altstadt bleibt bis tief in die Nacht belebt, festliche Illuminationen, aber auch die frühherbstliche Wolken-Welt am Himmel erzeugen eine stimmungsvolle nordische Kulisse. Südlich exotisch hingegen klingt es im Dom.
Gewichtiger Akzent
Dort gastiert Hespèrion XXI mit Gründer Jordi Savall. Der Großmeister der Alten Musik ist wieder einmal abseits aller Konventionen unterwegs, spielt illuster instrumentierte Musik vom Balkan und aus dem Orient. Bei den musikalisierten „Zyklen des Lebens“ sind fremdartige, unglaublich reizvolle Klänge von den rund 20 Musikern zu hören, werden von den sechs Sängern mit großer Schönheit sehr alte Texte intoniert. Auch das ist ein gewichtiger Akzent in dieser so vielseitigen „Großen Nachtmusik“.
