Los Angeles - In einem Keller in Minneapolis schlummert ein Schatz. So jedenfalls dürften es eingefleischte Fans von Prince sehen. Der am 21. April verstorbene Popstar hat bis zuletzt wie kaum ein anderer kontrolliert, welche seiner Werke wie und wo verfügbar sind. Selbst im Internet war bis vor zwei Wochen kaum etwas von ihm zu finden. Seit seinem Tod tauchen nun aber immer mehr Songs und Videos von ihm auf YouTube und anderen Kanälen auf. Viele seiner Fans hoffen daher, dass auch der eigentliche Schatz bald „geborgen“ werden könnte.
Die online neu verfügbaren Mitschnitte von Konzerten und Fernsehauftritten des Künstlers sind vermutlich nur ein winziger Vorgeschmack. Denn was Prince in seinem Studio-Komplex Paisley Park hinter Schloss und Riegel gehalten haben soll, ist in der Popgeschichte einmalig. „Es könnte dort hunderte Songs geben, die wir noch nie gehört haben, und mir wurde gesagt, dass sie aus allen seinen Schaffensperioden stammen“, sagt der amerikanische Autor und Musikjournalist Touré.
Einstige Weggefährten hätten bestätigt, dass Prince in einer besonders „produktiven Phase“ in den 80er Jahren im Durchschnitt einen Song pro Tag aufgenommen habe. Das Album „Purple Rain“ etwa erschien 1984 mit nur neun Titeln. Touré zufolge gibt es allerdings Berichte, nach denen Prince und seine damalige Begleitband The Revolution in den entsprechenden Studio-Sessions insgesamt bis zu 200 Stücke aufgenommen haben sollen.
Gleichzeitig war Prince dafür bekannt, bisweilen auch ganze Alben einzustampfen - auch wenn sie schon fertig produziert waren. Viele treue Fans dürften sich danach sehnen, in nie veröffentlichte Projekte wie „Camille“, „Dream Factory“ oder „Roadhouse Garden“ reinzuhören. Wer hingegen vor allem ein Bewunderer der Live-Shows - und nicht zuletzt der legendären After-Show-Auftritte - des Musikers war, wird auf bisher kaum zugängliche Konzertmitschnitte hoffen. Darüber hinaus soll es unveröffentlichte Aufnahmen von Sessions mit Künstlern wie Miles Davis geben.
„Wenn irgendwer noch ein großartiges Album im Tresor haben könnte, oder eine Reihe großartiger Songs, dann er“, sagt Touré, der Prince im Jahr 2013 interviewte und das Buch „I Would Die 4 U: Why Prince Became an Icon“ schrieb.
Der US-Musikkritiker Stephen Thomas Erlewine stellt die Vermutung an, dass der anstehende posthume Output von Prince vergleichbar sein könnte mit dem Material, das Bob Dylan seit 1991 in seiner „Bootleg Series“ herausgebracht hat.
„Ich denke, es wird Versionen von bekannten Songs geben, die die tatsächlich veröffentlichten Prince-Alben in einen neuen Zusammenhang stellen, und es wird Songs geben, die eine komplette Überraschung sind“, sagt Erlewine. Er selbst hoffe auf ein Live-Album. „Wir haben wirklich keine Live-Aufnahmen von Prince aus der Zeit, in der er am besten war.“
Auch in den Fan-Foren der Website prince.org diskutieren Verehrer des verstorbenen Stars bereits darüber, welche Aufnahmen sie eines Tages gerne hören möchten. „Sie müssen sich dafür die nötige Zeit nehmen“, schrieb ein Fan mit dem Benutzernamen PURPLEIZED3121. Es sei zu hoffen, dass die einstigen Mitglieder von The Revolution und der anderen Bands von Prince dabei eingebunden würden. Ein Fan mit dem Benutzernamen TheEnglishGent schlug vor, einen Streaming-Dienst nach dem Vorbild von Spotify oder Pandora einzurichten: „Digitalisiert alles und stellt es uns für zehn Dollar pro Monat zur Verfügung.“
Für wahre Fans mag die „geheime Schatzkammer“ von Prinzip einen geradezu mythischen Charakter haben. Im Grunde handelt es sich aber um einen recht nüchternen Ort - um einen gut gesicherten Raum innerhalb des Paisley-Park-Studios. Nach Angaben des Architekten Bret Thoeny hatte der Musiker einen begehbaren Tresor gefordert, ähnlich wie in einer Bank. „Er wollte einen Ort zur Aufbewahrung seiner Masterbänder haben, aber damals war es auch sehr wichtig, das geheim zu halten“, sagte Thoeny dem Fernsehsender CNN.
Zumindest einige Monate lang wird dieser Tresorraum aber wohl noch geschlossen bleiben - bis alle rechtlichen Fragen geklärt sind. Nach Angaben der Schwester von Prince, Tyka Nelson, hat der Musiker kein Testament hinterlassen. Bis auf Weiteres kümmert sich die Vermögensverwaltung Bremer Trust um unmittelbare geschäftliche Belange sowie um die genaue Feststellung der Erben.
Die Erben werden dann voraussichtlich darüber zu entscheiden haben, was mit dem musikalischen Nachlass geschieht. Auch in dieser Hinsicht könnte es also noch zu Überraschungen kommen. „Wer weiß, was passiert, wenn plötzlich jemand zuständig ist, der gar nicht mit der Geschichte von Prince vertraut ist“, sagt Touré.
