Berlin - Vor dem 25. Jahrestag der Deutschen Einheit im Herbst wird wieder darüber diskutiert, ob die DDR ein Überwachungsstaat oder eine Denunziantengesellschaft war. Meine Mutter wurde einmal von zwei Männern besucht und sprach mit ihnen allein im Wohnzimmer. Ich versuchte, an der Tür zu horchen. Es ging um Nachbarn, ich verstand nichts Genaues. Das Gespräch war kurz.

Als die Leute rausgingen, holte meine Mutter einen feuchten Lappen und wischte die Stühle gründlich ab. „Der Dreck, den die Stasi reinschleppt, muß weggemacht werden.“ So lernte ich nebenbei, dass das MfS (Ministerium für Staatssicherheit, kurz: Stasi) eine schmutzige Sache war. Noch beim Abendbrot schimpfte sie auf die Männer und erklärte meinem Vater, dass sie denen natürlich nur Gutes über die Nachbarn gesagt hätte. Zweimal ist das passiert – meine erste Lektion in puncto Staatssicherheit.

Formal betrachtet tauchte das Gespräch sicher als Information beim MfS auf – und wurde in den Akten später als wenig relevant aussortiert. Sie war in dieser Situation zu einer nicht regelmäßig mit ihnen sprechenden Quelle in der Gesellschaft geworden.

Eine Denunziation? Eher nicht. Hätte das verharmlosende „Die Nachbarn sind ganz unauffällig, das Familienleben ist in Ordnung“- Gespräch den Nachbarn schaden können? Das kommt auf die Situation an. Wenn eine Westreise (Verwandtschaftsbesuch) geprüft werden sollte, dann hat die Info den Betroffenen sicher genutzt. Hätte der Betroffene für einen politischen Spitzenjob von der Stasi getestet werden sollen, wäre die Unauffälligkeit nach außen eher karierehemmend für ihn gewesen.

Die Stasi wollte in erster Linie keine Denunziationen, sondern Informationen. Die wurden bei den anderen gesellschaftlichen Kräften mitunter zu Pflichtübungen, die natürlich auch den Berichterstatter disziplinieren sollten. Und für alle anderen ein gewisses Drohpotenzial hatten. Alle Informationen waren letztlich auch von der und für die Staatssicherheit abrufbar und benutzbar.

Alle autoritäre Macht will Übersicht und schafft sich Übersichtlichkeit, weil das die Kontrolle erleichtert. Die Polizei auf den Straßen, die Transportpolizei in den Zügen, Bereitschaftspolizei vor den Stadien, der Zoll an den zwei östlichen Grenzen des Landes – die Staatssicherheit war da meist die letzte Toleranzbremse, die zum Beispiel ein jugendlicher Außenseiter zu sehen und zu spüren bekam.

Bei scheinbar unpolitischeren Organisationen in der DDR gab es eine geringere Hemmschwelle für viele, etwas weiterzutragen. Etwa wenn sie das Gefühl haben konnten, jemand nicht politisch zu denunzieren, sondern eine Frau wegen HWG (häufig wechselnder Geschlechtsverkehr) oder jemand wegen vieler und zu lauter Feiern in der Wohnung zu kritisieren. Auch entstand Denunziationslust mitunter aus Nachbarschaftsstreitigkeiten oder innerfamiliären Spannungen.

In meinen zum Beispiel 15 000 Seiten Stasi-Akten gibt es faktisch nur Informationen an die Stasi, die von IMs stammen oder abgehört worden sind. Als ich nach dem Rausschmiss vom Studium ein halbes Jahr beim VEB Carl-Zeiss-Jena als Transportarbeiter beschäftigt war, kam ich sehr viel rum im Betrieb und hörte spannende Dinge, obwohl ich manche Hallen wegen Geheimhaltung (Rüstungsindustrie!) nicht betreten durfte.

Wenn ich andere exmatrikulierte Studenten sah und kurz mit ihnen redete, bekam mein Brigadier schon mal einen Anruf und redete mir gut zu, doch bitte unauffällig zu sein. Jeden Tag diskutierten wir zu zwölft und mehr bei der Frühstückspause – am Mittwoch über die politischen Magazine in der ARD am Dienstagabend. Kein einziger Satz dazu in der Akte, nur die Absichten, mich an einen festen Arbeitsplatz im Betrieb zu binden, damit ich nicht so herumkäme.

Um also das politisch autoritäre System der DDR mit totalitärer Tendenz zu beschreiben, scheint mir das Wort Überwachungsstaat ein verharmlosender Begriff. Es war ein diktatorischer Durchregulierungsstaat und für einige auch ein Zersetzungsmaßnahmenstaat. Die Denunziation ist da nicht der entscheidende Punkt, sondern was daraus erwachsen konnte.