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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Die Ware Liebe und die wahre Liebe

07.07.2017

Oldenburg /Berlin Mama hieß mal Vicki Venus. Der Name sagt es: Sie drehte einst Pornos. Zumindest so lange, bis bei einer Szene – gewissermaßen als Unfall – Töchterchen Lucy gezeugt wurde, heute 17 Jahre alt. Wie reagiert ein Mädchen, wenn es plötzlich erfährt, dass ein Pornodarsteller sein Vater sein könnte? Und die alleinerziehende Mama nicht weiß, wer der Papa ist?

Nun, Lucy fällt aus allen Wolken, und ihr Frust wandert als Energie in die Suche nach dem Erzeuger. Eine erste Spur führt zu Udo, einem abgewrackten Pornostar. Schon geht es auf eine schräge Tour in die Vergangenheit, auf eine Reise, die, wie bei einem guten Film üblich, auch eine Reise der Akteure zu sich selbst ist.

Regie-Neuling Benjamin Teske hat mit dem Film „Strawberry Bubblegums“ keinesfalls zähes Erdbeerkaugummi geliefert, sondern eine mutige Komödie gedreht, die 2016 das Filmfest Oldenburg eröffnete (über 1000 Zuschauer!). Am Ende des Festivals gab es sogar noch den Darstellerpreis für den großartigen André Hennicke, der den alternden Pornostar spielt. Nun kommt der Streifen, der schon mal im November 2016 eher unbemerkt im Dritten zu sehen war, noch einmal ins Fernsehen – am 11. Juli um 22.45 Uhr im Ersten.

Zu spät für diesen vom NDR mitfinanzierten Film?

Torsten Neumann, Oldenburgs Filmfest-Chef: „Die späte Anfangszeit ärgert mich überhaupt nicht. Der Film ist ja ganz klar eher auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten, ist eher frech und scheint so gar nicht dem konventionellen, angestaubtem Charme der 20.15-TV-Ware zu entsprechen.“

Außerdem sagt Neumann zur späten Startzeit: „Wenn das Wetter gut ist, dann würde doch niemand um Viertel nach acht vorm Fernseher sitzen!“

Wie auch immer das Wetter wird: Für die Hauptrolle der Lucy hat Regisseur Teske das Riesentalent Gloria Endres de Oliveira gewinnen können, Hennicke spielt den Ex-Pornostar Udo mit dem hübschen Künstlernamen Ochsenschwanz und Jasmin Tabatabai eine zwischen Ohnmacht und Angst schwankende Mutter.

Mit Udo und Lucy pöttern wir auf einem Motorrad mit Beiwagen durch die Lande. Und Lucy, die eben noch mit ihrer Freundin scherzte, wie es wäre, Eltern beim Sex zu ertappen („Ich würde lieber sterben“), landet in Bums-Kaschemmen und schummerigen Sex-Schuppen, auf Rummelplätzen oder in der sterilen Atmosphäre eines fabrikmäßigen Pornodrehs. Dabei ist der mit Bonbonfarben arbeitende Film nie blanke moralische Anklage.

Voyeure werden kaum bedient. Sicher sehen wir Sex, doch eher zum Wegsehen: Alte Knacker, die sich selbst befummeln, robuste Frauen, die Ekelkram mit sich machen lassen. Illusionen über die Porno-Branche werden selbst von einer behutsamen Kamera beerdigt.

Die Einsichten ins Pornogeschäft sind nicht neu? Stimmt, aber selten wurden sie so schön mit Humor, Melancholie und Ironie gewürzt.

Lucy taucht in die Porno-Welt ein, aber sie wird nicht Teil von ihr. Dass sie immer noch zwischen der Ware Liebe und wahrer Liebe unterscheiden kann, erzählt uns „Strawberry Bubblegums“ als Roadmovie. Sehenswert ist allein schon Hennicke als versoffener, ewiger Verlierer Udo.

Und die staunenden Augen von Lucy wird man auch nicht so schnell vergessen.

Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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