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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Die Welt in Stücke zerschlagen

07.07.2012

OLDENBURG Ein großer Plexiglaskasten in der Oldenburger Exerzierhalle: Die junge, schöne Anoia (Maria Walser) ist wahnsinnig, seelisch krank. 70 Minuten lang beobachtet das Premierenpublikum ihren Wahn, ihre langgezogene, zerdehnte Wahnsinnsarie. Anoia bewegt sich, tanzt, kriecht am Boden, schüttelt sich in Krämpfen. Ihre Stimmen sind drei nicht sichtbare Mitglieder des Opernchores, ein Tonbandgerät, eine Schreibmaschine, der Erzähler Azrael und das Sängerquartett Andia, Andai, Andoi und Andio.

Ritual und Wahn

Ihre wichtigste Stimme aber ist das von Johannes Stert und Paul-Johannes Kirschner geleitete, um alle hohen Stimmen reduzierte Kammerorchester mit zehn Mitgliedern des Oldenburgischen Staatsorchesters. Gordon Kampe, der Komponist dieser avantgardistischen Kammeroper, und Alexander Müller-Elmau als Librettist konzipierten die Trennung zweier Sphären, Ritual und Wahn. Das Ritual, hier verbunden mit Themenmaterial aus Bach-Chorälen, erlaubt den Rückgriff auf klassische musikalische Formen, der Wahn erzwingt eine ungezügelte, wilde, durch keine harmonischen Vorgaben gebremste Avantgarde-Musik.

Streng genommen ist „Anoia“ ein Ein-Personen-Stück, aufgeteilt aus Gründen der Dramaturgie und der packenden Expressivität auf mehrere Akteure, die aber alle sprechenden Aspekte der bis auf markerschütternde Schreie stummen Hauptfigur sind. Anoia ist traumatisiert, Erlebnisse aus der Kindheit, mit den Eltern, mit der Sexualität klingen an. Das sind aber nur Worte, Erinnerungsfetzen, ebenso wie die religiösen Themen: Stigmata, Jungfrau Maria, Jesus, Opfertod.

Keine Geschichte, keine Chronologie, nichts Abgesichertes. Der an Laing und Foucault gemahnende Plot – die Frage nach den Gesunden und den Kranken, nach einer kranken Gesundheit – ist alles andere als spannend oder auf der intellektuellen Höhe. Spannend ist die überzeugende, symbolisch aufgeladene, ins Detail verliebte Umsetzung mit einer unfassbar präsenten, magischen Maria Walser: Sie steht in einem doppelten Sinn allein auf der Bühne.

Die kahle Bühne zentriert den Blick auf den Glaskasten, auf dem Boden ist ein beschriftetes Labyrinth zu erkennen, die Kreideschrift zitiert Passagen des Librettos. „So denke doch/ der Ursprung meiner Not/ ist schon der Tod.“ Auch die von der Schreibmaschine geäußerten Worte: „Ich aber bin frei“.

Magische Zeichen

Anoia hat nicht nur eine andere Wahrnehmung, ihr ist die Welt zu Stücken, zu Partikeln zerschlagen, die sich ihr nicht mehr zusammenfügen. An den Schriftzügen des Labyrinths, aus dem sie nicht zu entkommen vermag, schreiben ihre Stimmen beständig mit, bessern sie nach. Wollte Faust den Teufel mit magischen Zeichen auf dem Boden seines Studierzimmers bannen, bannt sich Anoia selbst in die leere Mitte, aus der sie eine Wahnsinnsarie lang nicht hinauskann. Die Stimmen legen je ein Kleidungsstück für junge Damen vor die Quarantänebox, nachdem alle das Kinderlied von Robert mit dem Regenschirm aus dem „Struwwelpeter“ angestimmt haben.

Nach einem letzten, schrecklichen Schüttelkrampf setzt die Musik aus, keine Stimmen reden drein, Anoia verlässt ihre Zelle und zieht sich die bereitliegende Kleidung an. Sie hätte jederzeit herausgekonnt. Niemand hatte sie weggesperrt. Nicht endenwollender Beifall für alle Beteiligten, vermischt mit Bravo-Rufen beim Erscheinen von Maria Walser.

 @ Alle Theaterkritiken der NWZ  unter http://www.NWZonline.de/theater

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